Das hohe Ross

Etwa ein Jahr ist es her, dass ich Euch das letzte Mal per Newsletter meine Gedanken überhelfen konnte. Es gebrach mir schlicht und einfach an der dafür nötigen Zeit, denn das Herumgeschraube am Zöllneralbum und das Herumgeschreibe an der Zöllnerbiografie haben mich vollends vereinnahmt. Meine Muse Denise hat den Laden derweil übernommen und ist zur Generalsekretärin mutiert.

Sie verhandelte mit der Plattenfirma und dem Buchverlag und hat die Lesetour zusammengestellt, die ich in den letzten Wochen absolvierte.

Die Resonanzen auf mein Buch „Die fernen Inseln des Glücks“ übertreffen all meine Erwartungen. Bei einigen Lesungen kommen ein paar hundert Leute und ich ernte genüsslich, was im einsamen im Schreibexil gesät wurde.

Das habe ich schon anders erlebt. Die Erfolge meiner letzten Soloalben wollten mich für die vorangegangenen Kämpfe gar nicht so recht entschädigen.

Ja! Ich bin fast 50 Jahre alt, kenne alle Höhen und Tiefen und könnte nun eigentlich mal im demütigen Glücke verharren. Doch der dumme Kopf gebiert schon wieder neue Träume und das kindliche Herz gibt ein höheres Tempo vor. Ich besteige also das hohe Ross und galoppiere hinterher. Nach Neubrandenburg sogar ohne die musikalische Begleitung durch meinen Pianisten André Gensicke. Der Laden ist trotzdem voll und ich vertiefe meinen Glücksrausch wie immer mit Rotwein. Nun reite ich völlig übernächtigt zu unserem Sounddesigner Marcel Wicher nach Ronneburg, um die Aufnahmen vom letzten Café Größenwahn abzumixen. Ich muss weitertrinken, um die Spannung zu halten. Nach einer weiteren viel zu kurzen Nacht absolvieren wir wieder einen 14stündigen Arbeitstag im Studio. Mein aufgedrehter Geist gönnt dem rebellierenden Körper keine Pause. Dabei kenne ich die Zeichen.

Als ich ihn am Karfreitag nach wenigen Stunden Schlaf aus dem Bett katapultieren will, werde ich im wahrsten Sinne des Wortes ans Kreuz genagelt. Und zwar ans eigene! In unwürdiger Haltung verharrend, warte ich auf die herbeigerufene Generalsekretärin. Gemeinsam mit Marcel hievt sie meinen Kadaver nun ins Auto und überführt ihn zum lieben Gott. Er ist ein entfernter Verwandter meiner Freundin, heißt Marco und ist Chirurg. Mit Hilfe einer Serie von Spritzen lässt er mich pünktlich zum Ostersonntag wiederauferstehen.

Dirk Zöllner

Mir steckt der Schreck noch in den Knochen, doch ich muss weiter. Allein, mit dem Schnellzug nach Rathenow, von allen guten Geistern verlassen. Am Bahnhof werde ich von Peter und Susi empfangen, ihnen gehört der Buchladen der Stadt. Es ist alles liebevoll vorbereitet, sie haben viele Karten verkauft und ich will die beiden auf keinen Fall enttäuschen. Ich fühle mich wie unter einer Milchglasglocke, mein Körper ist betäubt und nur unter Aufbietung aller verbliebenen Kräfte bekomme ich mein Gesicht unter Kontrolle. So oft es geht, muss ich eine dunkle Ecke oder die Toilette aufsuchen und kann so mal ganz kurz die mühsam installierte Freundlichkeitsmaske fallen lassen. Rotwein und Adrenalin sind wirkungsvolle Drogen und die Lesung bekomme ich dann doch recht souverän auf die Reihe. Der Applaus tut ein Übriges und ich gesunde vorübergehend auf wundersame Weise. Kann nach dem Signieren der verkauften Bücher sogar noch eine Gesprächsrunde mit den verbliebenen Gästen genießen. Dann düse ich mit dem Zug zurück nach Berlin, denn ich bin am nächsten Tag zu Mittag mit den Eltern meines vor einem Jahr verstorbenen Freundes Thomas Maser verabredet.

Dirk Michaelis ist auch dabei und wir trinken ein paar Flaschen Rosé auf unseren Thommy. Dann geht es für mich weiter nach Potsdam. Glücklicherweise werde ich von Denise und Gensi begleitet, denn ich erfahre noch vor der Lesung, dass der Großvater meines Sohnes Egon und meiner Ziehtochter Emma im Sterben liegt. Bevor wir am folgenden Tag nach Dessau fahren, besuche ich den alten Mann mit Uge und den Kindern noch mal im Hospiz. Wenige Stunden darauf stirbt er. Natürlich fahre ich am Tage nach meiner Dessauer Lesung noch mal hin, um im Kreise der Familie Abschied zu nehmen und meiner Exfrau und meinen Kindern ein wenig beizustehen. Es ist sehr traurig, aber es fühlt sich irgendwie gut an. Hier auf der Erde. Ich bin mal wieder vom hohen Ross gefallen!

Und als dann in Jena keine 30 Leute kamen, war es okay für mich. Und überhaupt waren die letzten Lesungen meiner Tour die schönsten, denn ich konnte in uneitler Hingabe mein schönes Leben wahrnehmen.

In Dankbarkeit.
Euer Dirk Zöllner

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