Idylle im Krieg

Die Muse ist müde. Ich sehne mich nach ihren Küssen, aber unsere Mimi ist nicht weniger liebesbedürftig. Das Kind und ich wollen die Entdeckung der Welt mit ein und derselben Person teilen. Dabei gehört die arme Musenmutter selbst zu den sehnsüchtigsten Entdeckern.

Ihre Wiedermenschwerdung ist jedoch in Sicht, denn ich habe die Tochter von der Mutterbrust weggelockt. Mit Schnitzel. Zwar kaut sie noch auf den Felgen, aber das Raubtier ist erwacht. Das väterliche Dasein erfüllt sich mit Sinn und ich kann jetzt mehrstündig die alleinige Führung übernehmen.

Der Berliner Zoo ist das Ziel unseres ersten Ausfluges. Die Knutgedächtnisexkursion. Mimi hat natürlich keinen Schimmer, welch emotionale Eruption der plötzliche Tod des Eisbärenkindes in diesen Tagen ausgelöst hat. Aber zu unserer abenteuerlichen Crew gehört auch mein 5jähriger Sohn Egon, dem die vorübergehende Existenz des Berliner Knuddelteddys nicht verborgen blieb.

Den Haupteingang verstopfen Knutfans aus aller Welt.  Stofftierherden, Kondolenzbriefgebirge und Blumenfelder sind in die Torgitter geflochten. Der Anblick erinnert an die Bilder vom Buckingham Palast nach dem tragischen Ableben der Lady Diana. Mein armer Egon wird von einem Kamerateam interviewt. Was er davon halte, dass der Kadaver von Knut nun für das Berliner Naturkundemuseum ausgestopft werden solle??? Das blasse Bübchen, ein riesiges rotes Mikrophon vor der Nase, guckt hilflos in meine Richtung. Mir kommen vor Rührung die Tränen, aber glücklicherweise bin ich nicht der Einzige, der hier rumheult. Schnell rein! Ablenken, Eis, rote Brause. Die Currywurst teilt sich der liebe Junge mit seiner kleinen Raubtierschwester.

Zugegeben - auch die Schicksalsverknüpfung zwischen Knut und seinem fast ebenso knuffigen Ziehvater Andreas Dörflein hat wohl Anteil an meinem plötzlichen Tränenausbruch. Das ist der Tropfen, der mein Fass zum Überlaufen bringt. Die apokalyptischen Ereignisse der letzten Wochen stecken mir in den Knochen. Sind sie vielleicht zu gewaltig, als dass ich sie wirklich begreifen könnte? Suche ich vielleicht das kleine profane Ventil, um meine Seele zu erleichtern?

Auch vor der japanischen Botschaft versammeln sich die Leute und nehmen Anteil am Schicksal der Erdbeben- und Tsunamiopfer. Laut aktueller Berichterstattung soll die sichtbare Anteilnahme aber nicht so groß sein wie bei unserem kleinen pelzigen Freund. Wir sind verrückt! Hier ging ein kleines Bärenleben zu Ende – dort wurden abertausende Menschen in den Tod gerissen und Millionen weitere Menschen könnten Opfer eines atomaren Supergaus werden.

Die deutsche Macht findet parteiübergreifend Worte für das Unfassbare und zankt anschließend wieder schnell um die Volksgunst. Und weil das Volk vor Schreck mal ausnahmsweise einer Meinung ist, zanken eben alle Heilsbringer so kurz vor den Wahlen um dasselbe Programm. Darum, wer die wahre Nummer 1 unter den ganzen Atomausstiegsspezialisten ist. Während sich die lustigen Puppen posthum den Schwarzen Peter zuschieben, können wir umgehend handeln und den Stromanbieter wechseln. Ganz schnell, bevor unsere Einsicht zur Notwendigkeit wieder von privaten Begehrlichkeiten verwischt wird. Bevor das Großkapital wieder ungeniert das Tempo aufnimmt, voll auf Risiko spielt, und der Hofstaat wieder brav zu Kreuze kriecht. Das Kapital und sein Hofstaat sind in Deutschland nach über 20 Jahren zum ersten Mal in der unangenehmen Situation, dass ihnen das Volk auf die Finger guckt. Dass die Lust auf Brot und Spiele von einer elementaren Angst um Leib und Leben verdrängt wird. Normalerweise guckt der satte Mensch ja nicht gern über den Tellerrand. La dolce vita verklebt das Gehirn. Am wenigsten nervt da eine liberale, also durchschnittliche  Leitfigur, Inhalte sind Nebensache, eigentlich lästig.

Ich bin davon überzeugt, dass die Mehrheit der Deutschen nur deshalb für einen erneuten Kriegseinsatz der Bundeswehr plädiert, weil sie Westerwelle nicht leiden kann. Hätte der im Falle von Libyen für eine aktive Kriegsbeteiligung gestimmt, wäre die deutsche Pazifistenseele wahrscheinlich zu voller Blüte gereift. Der kleine Guido und seine Mutti werden das auch ahnen, und da haben die beiden in ihrer Angst das kleinere Übel gewählt. Jeder weiß, dass sämtlichen politischen Entscheidungen einzig und allein der Machtinstinkt zu Grunde liegt. Es geht immer um den kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen den menschlichen Fronten, niemals um die höhere göttliche Vernunft.

Vernünftig wäre es, alle Waffenexporte strikt zu verbieten, wegen denen sich Despoten wie Gaddafi so lange auf dem Thron halten bzw. erst draufsetzen können. Hier sieht man doch am deutlichsten, dass unsere Politiker nichts weiter als Hofschranzen des Kapitals sind. Und mit jedem unvermeidlichen zivilen Opfer, welches durch das christliche Bombardement nun zu beklagen sein wird, wird auch die Stimmung in der arabischen Welt kippen. Ist das nicht logisch?

Man stelle sich mal folgendes Szenario vor, nur so als Fabel: Honecker und Genossen verteidigen anno 89  mit all ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln die Macht, die durch einen Zufall der Geschichte für sie installiert wurde. Aus demselben verrückten Zufall zieht sich der große Installateur plötzlich zurück. Die selbst legitimierte Vereinte Weltpolizei nutzt die einmalige Chance und befreit die armen ostdeutschen Rebellen samt anhängender Schwungmasse von der Diktatur, um allen die schöne teure Demokratie verkaufen zu können. Dafür wird nun aus sicherer Ferne Berlin bombardiert.

Das hätte doch das freiheitsliebende Volk selbst mit Aussicht auf die Banane nicht hingenommen. Oder liege ich da etwa falsch?

Und man muss sich jetzt mal vorstellen, die Araber haben ja nicht mal die Aussicht auf ihre Banane! Wie die auch immer bei ihnen heißen mag. Oder warten da nebenan irgendwo ein paar verständnisvolle Westlibyer an gedeckten Tischen auf die Brüder und Schwestern?

Oder wollen wir das machen? Wolle mer se neilasse? Törööö!

Wegen mir können die ja alle kommen, ich teile gern. Hab allerdings auch nicht so viel zum Teilen. Wie sieht es mit euch aus?

So! Genug Protest.

Jetzt bin ich aber auch geschlaucht von den ganzen unerwarteten Emotionen und fliege erst mal für zwei Wochen in den Urlaub nach La Palma. Hoffentlich ist das nicht so überlaufen von den Touristen, deren Billigreiseländer gerade unter Beschuss stehen.

Euer Dirk Zöllner

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