Diiiaaak, Diiiaaak!

„Oh Mann, Scholle, ich bin so traurig!“ raunt mir André Herzberg auf der Bühne zu. Wir schreiben erst den sechsten Tag der 3HIGHligen Tour 2011. Die heutige Messe ist gerade zur Hälfte gesungen. Etwa 600 Menschen haben sich von ihren Plätzen erhoben und spenden uns Jubel und Beifall. Trauer ist also Fehl am Platz. Theoretisch. Aber mein Freund André spricht mir aus der Seele, ich kenne dieses Gefühl sehr gut. Die Furcht vor der postkoitalen Depression. Sie beschleicht mich schon im Frühling, im Angesicht der blühenden Natur. Mein Herz wird in schönen Momenten regelmäßig von Schatten der Trauer befallen. Das ist wohl das quälende Wissen um die Vergänglichkeit.


Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

 

Jedenfalls ist mir das als Kind nie passiert, ich war immer erst traurig, wenn ein Abenteuer real zu Ende war. Also viel mehr erschrocken. Nach dem Besuch bei unserer Verwandtschaft im Spreewald, nach dem Ferienlageraufenthalt im Thüringer Wald, nach der Bootstour mit dem Vater. An das Naturgesetz der Sterblichkeit glaubte ich nicht. Ich hatte gar keine Zeit, eine Entdeckung jagte die nächste. Und ich war der Mittelpunkt des Universums! Allseits geliebt. Zuallererst von meiner Oma, die ich Mimi nannte. Ihr zu Ehren gab ich meiner jüngsten Tochter diesen Namen. Auch mit meinen jungen Eltern fühlte ich mich sehr wohl. Mein Vater nahm sich überaus viel Zeit für mich und meinen Bruder Reyk. Und der wiederum klebte an mir wie der Mond an der Erde. Ich hatte meine eigene Kiezbande, gefürchtet und geliebt. Letzteres vor allem von den Mädchen. Wir regierten in Berlin Karlshorst. Unser Revier lag nur zu einer Seite offen. Zur rechten Flanke waren die Panzertruppen der Roten Armee stationiert, die linke Barriere bildete ein großer Friedhof und hinter uns lag die Bahntrasse zur Ostsee. Hinter den Gleisen wiederum begann das Gelände des Berliner Tierparks, der optimale Abenteuerspielplatz. Uns war jeder Winkel vertraut, und wir befanden uns im ständigen Krieg mit dem Personal. Die elterliche Wohnung lag im dritten Stock eines DDR-typischen 60er-Jahre-Baus. Q3A! Von dort aus war das Alfred-Brehm-Haus zu sehen, und ich hörte allnächtlich die Löwen brüllen. Bestärkt in meiner Rolle als Kiezgröße wurde ich von den Pfauen, deren Lockrufe der Wind beschwörend ins Viertel wehte: „Diiiaaaak, diiiaaaaak, diiiaaaaaak!“  Erst mit Zugang zu den westlichen Gefilden drang mir mein Name wieder derartig bohrend ins Ohr. Ganz besonders durch den Mund meines Mannheimer Freundes Rolf Stahlhofen. 

Lange Rede, kurzer Sinn! Ich will euch eigentlich nur mal erklären, welche Maßstäbe ich mit mir herumschleppen muss. Der Mensch ist nicht dafür ausgelegt, unter dem eigenen Limit zu bleiben. Nun werdet ihr vielleicht verstehen, wie genussvoll ich die letzten Wochen erlebte. Ich war der Mittelpunkt des Universums und unsterblich!

Nach ein paar Konzerten mit André Gensicke gönne ich mir zum Jahresende 2010 erst mal eine kleine Auszeit auf Mallorca. Samt Muse und der neuen Mimi. Mein Busenfreund Axel Lorenz, auch der Pate von Meerane genannt, hat auch dort die besten Verbindungen. Er ist sehr oft vor Ort, denn sein einziges Kind lebt auf dieser zauberhaften Insel. Während in Deutschland der Winter Einzug hält, klappern wir, kurz behost und knapp beleibt, die schönsten Stellen so gut wie touristenfrei ab. Nebenbei drehen wir noch das First-Take-Video zu „Nie mehr“.

Dann wieder paar entspannte Scholle-Gensi-Muggen und kurz vor Weihnachten die „Familienandacht“ mit Bobo & Camille, Susi Koch, Bettina Labeau, Robert Gläser & Christoph Falckner, Axel Lorenz, Tobi Hillig, André Herzberg und Dirk Michaelis. Und mit meiner großen Tochter Rubini. Ihr Auftritt ist für mich die Überraschung des Abends. Und ganz augenscheinlich auch für das Publikum. Mann, bin ich aufgeregt. Und stolz!

22. Dezember im Sodasalon – großes Finale der Familienandacht

So wie die Künstler ist allerdings auch das Publikum erlesen. Die Werbung lief ausschließlich über den Newsletter-Verteiler. Ich möchte gern eine Tradition aus dieser Familienpflege machen.

Bevor Gensi und ich die üblichen Jahresabschlusskonzerte im TURM zu Königs Wusterhausen spielen, verbringe ich die Tage um den Heiligen Abend im Familienkreis meiner Muse. Im traumhaft verschneiten Erzgebirge. Mit allem Drum und Dran! Bescherung vom Weihnachtmann, Volksliedern, Rodeln, Halmaturnieren gegen die Uroma und unglaublichen Essensgebirgen. Seit den Tagen der Kindheit habe ich dieses Fest nicht mehr so leicht erlebt. Und die Uroma hat mich für das Kommende wieder eingeladen!

Nun gut. Die dunklen Mächte wollten sich natürlich nicht kampflos ergeben. Sie nahmen Besitz von meiner Person und erschienen in der Gestalt meiner Kollegen André Herzberg und Dirk Michaelis auf den zwischenzeitlichen 3HIGHligenproben. Und auf eine Probe stellten diese bösen Dämonen auch unsere Freundschaft.

Noch zur Vorpremiere am 4. Januar, im Strandbad zu Friedrichshagen, bezweifeln alle aktiv Beteiligten das erfolgreiche Zustandekommen der angekündigten 3HIGHligentour. Wir kämpfen und verändern bis zur letzten Minute. Einen klaren Sieg können wir aber nicht hinlegen. Auch unser erstes offizielles Konzert in Rostock läuft highligerseits noch längst nicht souverän. Aber wie in Friedrichshagen, ist keine Abneigung vom Publikums zu spüren.

Es folgt glücklicherweise ein Offday, den wir übend in der Sauna unseres Luxushotels verbringen. Weitere Titel werden ausgetauscht und wir beschließen, unseren Gitarrenroadie Tobi Hillig als Scheinhighligen auf die Bühne zu holen. Glücksgriff! Unser Tourmanager, Fahrer und Toningenieur Axel Lorenz erweist sich als weiterer Joker im Krieg der Diven. Er fungiert als Psychotherapeut und lässt den highligen Löffel reihum gehen. Nur derjenige, der im Besitz dieses kostbaren Kleinodes ist, darf seinen Wortschwall über die Kollegen ergießen.

Wer hat den Löffel?

 

So kommt es zu gesprächsähnlichen Auseinandersetzungen und dem ersten wirklich akzeptablen Konzert am 7. Januar in Stralsund. Das Publikum erweist den Herren Herzbergzöllnermichaelis + Hillig erstmalig stehende Ovationen. Die highlige Kuh ist endlich vom Eis!

Wie in einem schönen Märchen bewegen wir uns fortan durch ein lang anhaltendes happy end. Bis auf ganz wenige Ausnahmen brechend volle Hütten, zufriedene Veranstalter und immer wieder stehende Ovationen. Wir können nicht ins Bett gehen, alle guten Vorsätze werden spontan und komplett über den Haufen geworfen. Von wegen: „Verzicht ist der wahre Gewinn!“ Das hat dir der Teufel gesagt, Reinhardt Repke, oh König der toten Dichter! Sorry, aber bei uns wird das Leben gefeiert. Wem es gefällt, für den ist das was! Die Angst vor dem wirklichen Ende muss betäubt werden! Nicht wahr mein Andréfreund? Wie ein Kind habe ich mit glühendem Gesicht in den fallenden Schnee geguckt, in der Nacht, auf dem Berg bei Löbau. Mit Dir, mein lieber Melchiorelis. Das werde ich niemals vergessen, ganz egal wie meine Geschichte letztendlich ausgeht. Wir haben gestritten und geheult und gelacht und uns letztendlich geliebt. Alle 3HIGHligen und die beiden Scheinhighligen dazu. Wie eine echte Band!

Ich habe das große Glück, nach dem letzten Konzert in der Berliner Passionskirche, sofort wieder den Tourbus zu besteigen. Mit den ROSTOCK COWBOYS und ihrer Sängerin Susi Koch. Eine Woche St. Anton/ Österreich. Zwei Muggen und ansonsten Skifahren satt. Auch Rubini und weitere Familienangehörige kommen mit.

Das erste Konzert findet schon am Ankunftstag statt. Leider begibt sich Gitarrist Wolfgang Schmiedt nach dem Sondcheck sofort auf die Skipiste und bricht sich erstmal schnell den Oberarm. Durch die vorangegangenen highlige Tourparty und die endlose Anfahrt bin ich nicht so recht in Form und muss mein Ego vom Rockstar zum Musikdienstleister runterschrauben. Und nun zu allem Übel auch noch die Gitarren allein spielen! Haufen neue Songs, in einer riesigen Halle, vor Hundertschaften partyhungriger Ärzte, über eine viel zu kleine Anlage, ausgeleuchtet von drei oder vier Scheinwerfern. Ich bin komplett durch und bewältige meine Arbeit mehr schlecht als recht. Gensi rettet meinen Arsch musikalisch und Rubi macht die Show. Ich habe sie kurzerhand als Backgroundsängerin engagiert und sie tanzt, wie eine altgediente routinierte Rampensau, all meine Unsicherheiten weg. Susi brilliert stimmlich. Enrique am Bass und Christoph an den Drums improvisieren äußerst professionell und gehen voll auf das Publikum ein. Der verletzte Gaul bockt und zerrt, doch die Menschen merken mal wieder nichts davon, steigen unbedarft auf. Diesmal bin ich sehr froh darüber!

Schlafen. Schlafen. Schlafen.
Und dann auf die Piste!

Ausblick vom Valuga

 

Es ist herrlich. Die Sonne und der glitzernde Schnee, meine wunderbare Tochter und die Freunde verdrängen die posthighlige Depression. Das zweite Konzert der ROSTOCK COWBOYS auf einer Skihütte macht schon wieder richtig Spaß.


Backline-Transport der Sonderklasse mit dem noch unverletzten Christoph Keck

 

Die Energie ist zurückgekehrt und ich kann den Verlust des Chefgitarristen einigermaßen kaschieren. Und das Essen ist großartig. Und der Rotwein. Mit Gensi pflege ich den üblichen weinbedingten Disput, aber im nicht erwähnenswerten Ausmaß.

Am nächsten Tag prellt sich auch noch unser Trommler Christoph Keck bei einer Abfahrt die Schulter. Jetzt ist der gute Axel, der jede Form von Sport vorausschauend ablehnt, noch weniger alleine, darf gleich zwei Invaliden betreuen. Zur Physiotherapie kutschieren, Kleidungsstücke an- und ausziehen, einkaufen, plaudern, planen. Wir Unverletzten ziehen derweil unbeirrt unsere Bahnen, beschwingt vom Zigeunerleben de luxe und vom Jagatee.

Wieder zu Hause ist dann aber auch ganz schön. So ein langer Abstand potenziert die Liebe und die kleine fröhliche Mimi ist sowieso ein Geschenk. Und die Sehnsucht nach meinem Egonsohn drückt gar sehre. Heute haben wir den Tierpark Berlin besucht und die Pfauen haben mich wieder gefeiert.


Diiiaaaak Zöllner

 

Es lebe das Leben!
Euer Diiiaaak

Zurück