Sind das jetzt die Wehen?

Ich sitze im Zug. Morgen, am Pfingstmontag, muss ich mal wieder in Pforzheim ans Kreuz.  Doch meine Zeit als Jesus neigt sich nun dem Ende entgegen. Die Vorstellungen sind nicht mehr ausverkauft, Ende Juni ist Schluss. Die Stadt ist pleite und die Atmosphäre am Theater ist dadurch gestört. Die Kleinmütigkeit der Politik ist kein Nährboden für Kunst, hier wird natürlich immer zuerst gespart. Auch bei der Werbung. Daher sind die drei verbleibenden Vorstellungen quasi Geheimtipps (Daten findet ihr wie immer ganz unten).

Ich fahre zu den Aufführungen immer einen Tag früher los. Es macht keinen Spaß, nach sieben Stunden Zugfahrt direkt auf die Bühne zu stürzen. Der Zug passiert gerade eine Mainbrücke in Frankfurt, und die Türme der Finanzmetropole sind in goldenes Abendlicht getaucht. Ein Sinnbild für den Niedergang.  Mich befällt bei diesem Anblick ein wenig Melancholie. Nicht wegen des Scheiterns eines gesellschaftlichen Modells. Das könnt ihr mir glauben! Und nur ein bisschen wegen meines baldigen Abschiedes von der Theaterbühne. Ich bin melancholisch, weil es weitergeht und ich doch so gerne verweilen würde. Hier auf dem Gipfel des Glücks, auf dem ich mich seit Tagen befinde. Es kann nur noch bergab gehen. Nicht bewegen! Ich würde am liebsten alles in Harz gießen!

Die Tage um die Geburt der eigenen Kinder sind die schönsten und wahrhaftigsten im Leben. Diese Erfahrung teile ich wahrscheinlich mit gar nicht so wenigen Menschen auf dieser Erde und trotzdem komme ich mir einmalig vor. Vaterwerden ist das Highlight! Politische Umbrüche, Mondlandungen und Fußballweltmeisterschaften sind kleine Lichter dagegen. Selbst berufliche Genugtuungen verblassen im Schein der Herrlichkeit des eigenen Kindes. Ich kann deswegen auch nur kurz von der Arbeit berichten:

Am 7. Mai ist eine CD erschienen, die bereits vor 3 Jahren aufgenommen wurde. Sie heißt BIG SOUL und ist eine Begegnung mit der SWR Bigband und meinen favorisierten deutschsprachigen Sängern Regy Clasen aus Hamburg und Rolf Stahlhofen aus Mannheim. Ihr könnt Bildausschnitte unseres Hamburgkonzertes unter dem Stichwort „Hamburg Sounds“ auf www.ndr.de im Internet finden.

Zwischen 5. und 10. Mai war ich jedenfalls für eine Probe und drei Konzerte von meiner schwangeren Freundin getrennt. Verneigung vor der großartigen Band! Stahlhofen, gib mir Fünfe! Regy, ich liebe Dich! Doch es tut mir Leid, ich war nicht so ganz bei der Sache. Soweit ich was mitbekommen habe, lief jedenfalls alles sehr erfolgreich. Ich bitte um Wiederholung!

So. Diejenigen, die sich ausschließlich für meine Musik interessieren, können jetzt abschalten. Ich brauch ein Ventil für meinen überbordenden väterlichen Stolz:

Schon die Schwangerschaft ist ein besonderer Genuss, denn die Muse stellt mir ihren Bauch freizügig zur Verfügung. Zum Beispiel als Leinwand für naive Malereien und für Fotostudien.

Außerdem ist sie durchweg gut gelaunt, keine Spur von den sagenumwobenen Terrorattacken werdender Mütter. Nur die viel zitierten Fressgelüste sind auch bei meiner schwangeren Freundin vorhanden und wir geben uns ihnen gemeinsam hin. Hemmungslos. Sie nimmt 20 Kilo zu - ich nur acht.

Am 28. April wird meine große Tochter Rubini schließlich 18 Jahre alt und insgeheim spekuliere ich für diesen Tag auf die Geburt des Nachfolgemodells. Doch es denkt gar nicht daran, mir diesen kleinen Gefallen zu tun. Und obwohl ich die hochschwangere Denise ständig in Bewegung halte und sogar zum Fliederklauen mitschleppe, verstreicht auch der offizielle Entbindungstermin am 2. Mai sang- und klanglos. Leichte Panik befällt mich nun in Anbetracht der bevorstehenden Tour mit der SWR Bigband. Die Termine standen schon vor dem Wissen um die Schwangerschaft fest und ich kann einem Tross von etwa 30 Kollegen unmöglich so kurzfristig absagen. Mit flauem Gefühl im Magen fliege ich am 5. Mai für drei Tage nach Stuttgart. Ich kann diese besondere Begegnung nicht mit meiner typischen Intensität angehen. Ich will schnell nach Hause, ich will dabei sein. Doch alle Aufregung ist umsonst - das brave Kind wartet auf den Papa. Nun schon sechs Tage! Am achten Tag begleitet mich Denise sogar zum Konzert nach Hamburg. Mein Bruder Reyk chauffiert uns. Sehr zu meiner Freude. Ansonsten nichts! Immer noch keine Anzeichen! Zurück zu Hause, droht uns die Decke auf den Kopf zu fallen. Wir versuchen durch stundenlange Würfelspiele die Zeit tot zu schlagen und ich entlade meine Aufregung über Internet. Empfange Ablenkung und Beistand von Freunden und Fans. Wir befolgen unzählige Tipps. Kochen Spezialtees, benutzen geheimnisvolle Gewürze, testen Gymnastik- und Kuscheltechniken.  Auch andere mussten auf ihr Kind warten. Immer wieder hören wir, dass sich ein Mädchen nun mal ein paar Tage länger putzen müsse. Das amüsiert uns. Selbst der Frauenarzt beruhigt auf diese Weise. Frauenzimmer eben.

Wir haben zur Entbindung das Oskar-Ziethen-Krankenhaus gewählt. Hier wurde auch ich vor fast einem halben Jahrhundert geboren. Wir suchen in unserer romantischen Verklärung nach dem rustikalen Ostcharme. Am Sonnabend, dem 15. Mai, früh um halb neun, reiten wir dort ein. Es ist Tag 13 nach dem offiziellen Termin. Das CTG zeigt ein paar leichte Kontraktionen. Doch statt des erhofften rustikalen Wehentropfes erhalten wir ein Fläschchen ätherisches Öl, welches der „Papi“ der „Mutti“ unter beschwörerischen Formeln bäuchlings auftragen „darf“.  Dann sollen wir erstmal zwei Stunden spazieren gehen, im strömenden Regen, bei etwa fünf Grad Celsius! Wir setzen uns ins Foyer und würfeln ein paar Runden. Als nächstes bekommt meine arme Freundin eine Abführtablette, ein weiteres alternatives Mittel um die Wehen sanft einzuleiten. Das CTG zeigt leichte Kontraktionen. Sind das jetzt Wehen? Nein, sagt die Hebamme, dafür lacht die werdende Mutti noch zuviel. So vergeht der Tag, und ich bin drauf und dran, die Nerven zu verlieren. Als dann am späten Abend wegen erhöhter Temperatur und der langwierigen Verzögerung irgendetwas von Kaiserschnitt gelabert wird, lehnt meine unglaubliche Freundin rigoros ab. Endlich kommt der erwartete rustikale Ostcharme in Form einer beherzten Hebamme zum Vorschein und zum Tragen. Am Sonntagmorgen um 1.30 Uhr öffnet sie die Fruchtblase und hängt mein tapferes Mädchen an den Wehentropf. Es geht los! Wir jubilieren gemeinsam den ersten Wehen entgegen. Denise schmeißt sich regelrecht rein. Die Ärztin staunt, mit welcher Geschwindigkeit die körperlichen Voraussetzungen für eine natürliche Entbindung hergestellt sind. Gegen halb vier erhalten wir Verstärkung. Unsere Freundin Elke stößt dazu und begleitet uns auf den letzten schweren Metern. Wir sind ein Dreamteam und Denise ist einfach großartig. Sie empfängt die letzten Wehen sogar stehend, hängt sich zwischen mich und ihre Freundin. Wir atmen, schreien und heulen zusammen. Am Ende der vorletzten Presswehe erscheint das Köpfchen unserer Mimi. Wegen des nicht mehr ganz einwandfreien Fruchtwassers werden sofort Mund- und Nasenraum abgesaugt und der Geburtsschrei ertönt, während das Körperlein noch in meiner armen Freundin steckt. Wir lachen und heulen wild drauf los, es ist grotesk. Wir lauern kollektiv auf die finale Wehe. Eine ganze endlose Minute!

Schließlich erscheint unsere Tochter Mimi am 16. Mai 2010, punkt fünf Uhr, als Ganzes auf dieser Welt. 3820 Gramm schwer und 55 Zentimeter lang.

Halleluja!

Zurück