Vitamin B 12?

Gerade bekam ich per sms Trost von meiner Mutter: „Vitamin B12-Mangel hat verminderte geistige Leistungsfähigkeit zur Folge.“ 

Ich kann also nichts dafür! Ich werde hinterher mal zu Schlecker rennen und mir ein paar von diesen Vitamindrops zulegen. Raus in die Kälte! Oder morgen. Auf jeden Fall vor Freitag, denn da muss ich wieder auf die Bühne. Zum ersten Mal seit zwei Monaten im Duo mit Gensi. Wir haben uns eine Auszeit genommen, um Songs für ein neues Album zu schreiben. Also er die Musik und ich Texte. So haben wir es geplant. Ja, und nun hat er auch tatsächlich einen Titel entworfen. Und ist damit der Sieger unseres kleinen kreativen Wettstreites.

Zugegeben - ich leide nicht nur unter Vitaminmangel, sondern auch unter diesem schrecklichen Second-Life-Virus. F A C E B O O K! Nun zwitschere ich mit meinen ebenfalls infizierten Vogelfreunden um die Wette und habe kaum noch Zeit, meine brütende Muse zu beobachten. Sie hält mich zwar über chat vom Südflügel unserer Wohnung aus auf dem Laufenden, und wir treffen uns auch regelmäßig zum Essen im Speisesaal – vorzugsweise, wenn Besuch kommt oder ich selber am Herd stehe…

…aber das war’s dann auch schon zum Thema körperliche und geistige Ertüchtigung. Mittlerweile habe ich mein Rekordgewicht erreicht und so zusätzliche Pfunde müssen erst mal in Bewegung gebracht werden. Wenn es doch endlich etwas wärmer würde. Bei den Temperaturen geht doch kein Hund vor die Tür!

Na gut, ein paar Auftritte habe ich auch ohne Gensi gemacht. Unter anderem mit dem Putensen-Beat-Ensemble und Günther Fischer. Da musste ich mir schon wieder neue Texte raufdrücken. Endlose Traktate, sogar auf Englisch. In den Wochen davor Ostende, die Zöllnerband, das Programm mit den Rostock Cowboys und zwischendurch immer wieder Jesus Christ Superstar im Theater Pforzheim. Der Speicher ist voll, liebe Freunde!

Und so kommt es beim Franz-Bartzsch-Gedenkkonzert am letzten Sonntag zum kurzeitigen Stromausfall in meinem Gehirn. Dabei hatte ich artig geübt. Rund um die Uhr der werdenden Mutter bei jeder Gelegenheit das Lied vorgetragen (und damit fast schon wehenartige Zustände ausgelöst). Auch nachts. A capella. Mit Gitarre. In Originaltonart! Synchron mit Vroni! Morgens vor 6 Uhr mit Rücksicht auf die Nachbarn auch oktaviert.

Es ist auch kein Alkohol im Spiel - ich erscheine stocknüchtern, gut gelaunt, gekämmt und in sauberer Garderobe zum Auftritt. Während der Auftritte meiner Kollegen wahre ich Fassung und sage in den Applauspausen den Text leise auf. Eine Menge an Ostrockprominenz ist vor Ort, und bei so einem Klassentreffen will man natürlich auf keinen Fall loosen. Und dann! Ich bin dran.

Erste Strophe bewältigt. Refrain gemeistert. Zweite Strophe… Aussetzer. Na gut, kann vorkommen. Textfiasko im Refrain. Mir wird schwarz vor Augen. Absolute Textmisere in der dritten Strophe und nun fortfolgend! Anlass und Titel sind zu ernst, um in der üblichen Art und Weise Stehgreif-Reime zu verwenden. Der Albtraum. Ich will im Erdboden versinken, zumal es sich um eine DVD-Aufzeichnung handelt. Für einen Tonmitschnitt kann man ja noch Overdubs machen. Nur wie kriege ich Jörg Stempel dazu, meinen Auftritt noch mal nachzufilmen?!

Aber nun mal ganz im Ernst. Vitaminmangel, facebook, Muttermuse, Hundewetter und Programmgemetzel ist nur das Eine. Das Wesentliche ist die Not des Älterwerdens, da kann man sich selbst und andere täuschen, soviel man will. Ich gehöre zu den jüngsten Protagonisten einer Szene, die sich über den Begriff Ostrock definiert. Zur letzten Generation, noch nicht mal ganz 50! Die Verluste häufen sich, die alte Ostgemeinschaft trifft sich immer öfter zum Abschiednehmen. Das schlägt auf die Seele, selbst wenn man darüber hinweg feiert! Mit der Sängerin Ines Paulke wird nun auch schon Jemand aus meiner Generation verabschiedet. Ich trauere um eine hochgeschätzte Kollegin und Weggefährtin.

Das Zelebrieren der Vergangenheit ist wichtig. Ich freue mich aber immer besonders, wenn aus der alten und gewachsenen Szene etwas Neues entsteht. Denn nur so wird es auch gelingen, jüngere Menschen für eine erhaltenswerte Kultur zu interessieren. Ich freue mich über die neue Produktion von Silly. Ein medialer Erfolg dieser Produktion könnte einen Scheinwerfer auf die gesamte Ostszene richten. Ich drücke uns die Daumen.

Auch wir werden Ende März zur ersten Session für ein neues Zöllneralbum ins Studio gehen und die Ideen vor Ort entwickeln. In die Räume des alten Farmlandstudios zu Quadenschönfeld. André Gensicke, wie immer an den Tasten. Außerdem Sonny Thet am Cello und zwei „Söhne Mannheims“ - Andreas Bayless an der Gitarre und Ralf Gustke am Schlagzeug. Am 20. März geben wir zu eurer und unserer eigenen Erbauung ein Konzert vor Ort. Die Platzkapazität ist sehr eingeschränkt, es sei denn ein vorzeitiger Frühling ermöglicht uns ein Konzert unter freiem Himmel.

Frühling!
Euer Zöllner

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