Scheiß Osten!

Eine deutsch-deutsche Betrachtung, erschienen in der Ausgabe August/September 2010 der melodie&rhythmus

Egal welches Missgeschick dem Ostberliner einst widerfuhr – wie aus der Pistole geschossen hörte man: Scheiß Osten! Bei jedem geringfügigen Anlass. Wenn es irgendwas nicht gab oder kleinkarierter bürokratischer Stress aufkam, immer verschafften diese geflügelten Worte etwas Erleichterung. Auch wenn man sich nur den Kopf stieß oder das Wetter beschissen war, wofür der Osten nun wahrlich nichts konnte! Selbst als sich die Himmelsrichtung gedreht hatte, ging das noch über viele Jahre so weiter. Wenn man im Stau stand, ein Flugzeug verpasste, das Klopapier alle war oder als Helmut Kohl noch mal Bundeskanzler wurde. Okay, bei letztgenanntem Vorfall war es ja durchaus zutreffend. Aber ansonsten hätte es jetzt eigentlich „Scheiß Westen!“ heißen müssen. Der ostdeutsche Anstand verbietet jedoch derlei Hetztiraden gegen das Brudervolk.

Soweit das Vorgeplänkel. Ich habe ja eigentlich nur nach einem knackigen Titel gesucht, damit dieser Beitrag gelesen wird. Mit dem Inhalt desselben hat die Überschrift gar nichts zu tun.

Ich schreibe Lieder. Es ist mein Beruf, die Dinge zu überhöhen. Mit Objektivität habe ich nicht so viel am Hut. Das ist für mich die Wahrheit der Mitte. Die der FDP-Wähler. Ein Rollator für Spießer. Im Begriff Objektivität steckt der unselige Versuch, die Geheimnisse der Natur zu entschlüsseln, jedes Phänomen in einer Formel darzustellen und die Welt zu entzaubern. Staubtrockene Realität. In so einer traumlosen Wüste verödet jede Fantasie.

Ich kann mir Idealismus natürlich leisten, weil ich in einem selbst ausgesuchten Umfeld lebe. 1984 hatte ich Schule, Lehre, Elternhaus und Armee hinter mir gelassen und beschlossen, fortan Musiker zu sein. Kein Problem in der DDR, es gab ja keine finanziellen Zwänge. Für Hippies wie mich das Paradies auf Erden. Mit 50 Ostpiepen konnte man schon mal über den Monat kommen und brauchte sich dabei nicht mal wie’n Penner zu fühlen. Freiheit kann eben auch sehr unterschiedlich definiert werden.

Dass ich aber die Welt sehen werde, war mir schon immer klar – da hatte ich nicht die geringsten Zweifel. Und siehe da, noch bevor so etwas wie Langeweile aufkommen konnte und ich auf jedem Dorffest gesungen hatte, ging die Mauer auf. Auch schön. Nach der ersten Aufregung wurde es dann aber seltsamerweise sehr schnell langweilig. Objektiv eben. Liberal. Es gab auf einmal so wenig Reibefläche für Künstler. Um es gleich voran zu stellen: Das Beste an der Demokratie ist für mich, dass ich offen sagen kann, dass ich nicht drauf stehe. Deshalb bin ich aber nicht automatisch ein Fan der Arbeiter- und Bauerndiktatur. So eine liebenswerte Monarchie wäre das Richtige für mich. Ein gütiger, gebildeter König, der sein Volk ästhetisch anführt. So wie bei den Gebrüdern Grimm.

Es war einmal, in den letzten Jahren der DDR. Noch vor dem finalen kollektiven Urschrei nach der Banane. Da war plötzlich Bewegung zu spüren, das Aufbegehren einiger linker Träumer und die politische Verunsicherung der Arbeiter- und Bauernführung. Wellen schlugen hoch, es war spannend und die Kunst stand in voller Blüte. Jedes Wort, jeder Ton hatte Gewicht. Selbst technische Dilettanten konnten sich in dieser Zeit ’ne goldene Nase verdienen. Und ich war dabei, yeah!

Seid jetzt ganz stark, liebe Stiefbrüder und Stiefschwestern! Das ursprüngliche Aufbegehren hatte mit euch und eurem alten Land eigentlich nicht so viel zu tun.

Aber nun ist die Banane gegessen, und ihr habt uns am Hacken. Es ist schön, einer privilegierten Minderheit anzugehören. Einer kleinen bevorteilten Enklave. Wir haben den Luxus, alle Misserfolge in Leben und Beruf auf euer Unverständnis zu schieben. Auf die Arroganz der großen doofen Mehrheit. Das ist bequem. Das macht Spaß. Die preußisch-sächsische Antipathie ist überwunden, denn nun gibt es die Schwaben und die Bayern. Als wenn die nicht genug gestraft wären mit ihren Plastikstädtchen zwischen den Autobahnkreuzen. Das letzte Jahr habe ich viel Zeit in Pforzheim verbracht, weil ich am dortigen Theater tätig war. Es kann einem schon Leid tun, wie die Stadt aussieht. Da wurde nach dem Krieg alles ganz schnell und provisorisch zusammengeschustert. Und so gelassen! Man sehe sich dagegen Dresden an, welches im Krieg ähnlich zerstört wurde. Ein Traum. Blühende Landschaften, da hatte der dicke Langweiler wirklich Recht.

Es sind nicht nur die Äußerlichkeiten, die uns allmählich zu den Deutschen de luxe gemacht haben. Nun hat eine Umfrage bestätigt, dass wir ostdeutschen Männer auch noch die besseren Liebhaber sind. Ich ahnte es natürlich längst, denn sofort nach der Wende haben wir ein paar auserwählten westdeutschen Brüdern die Chance gegeben, in unserem musikalischen Kollektiv DIE ZÖLLNER mitzuwirken. Aber die neuen Kollegen hatten stets weniger Groupies als wir. Und zwar auf gesamtdeutschen Terrain! Nur der Trompeter konnte fast mithalten, der war allerdings gebürtiger US-Amerikaner.

Die sexuelle Aufklärung der Ostjugend lag vor allem in den Händen der Kolumnistin Jutta Resch-Treuwerth. In der JUNGEN WELT, dem Zentralorgan der FREIEN DEUTSCHEN JUGEND erklärte sie den pubertierenden Jungen, welche Knöpfe und Hebel sie zu betätigen haben, damit auch die Arbeiter- und Bauernmädels ein wenig Gefallen an der körperlichen Liebe fänden. Alle verunsicherten Jungmänner ab Baujahr ’55 hatten Frau Resch-Treuwerth die ersten zehn Jahre ihrer sexuellen Entfaltung mit im Bett, befolgten artig ihre Empfehlungen und wurden so zu wahren Meistern im Liebeshandwerk. Das klingt vielleicht unglaubwürdig, aber ich komme viel herum und durfte mich mit unzähligen Frauen darüber austauschen. Danke, Jutta!

Na schön, nicht allen Ostgeborenen geht es gut. Einige Glücksritter haben sofort großdeutsche Wahrheit gespielt. Haben sich und ihre Herkunft unter den reich gedeckten Tisch fallen lassen, um ein paar fette Brocken vom ganz großen Kuchen zu erhaschen. Das ewige Hofgesindel eben. Natürlich gibt es auch die ostdeutschen Randfiguren mit Sonderbiografie unter den gesamtdeutsch Integrierten. Das sind keine Opportunisten, die sind teilweise trotz ihres Erfolges authentisch. Es ist nur tragisch, dass sich Eppelmann, Gauck & Co dazu versteigen, ihre persönliche Geschichte zur Geschichte des ganzen ostdeutschen Volkes zu erklären. Das ist ja fast so, als würde ich meine Sicht objektiv nennen. Objektiv kann ich lediglich sagen, dass die „20-Jahre-Danach“-Dokumentationen über mein Geburtsland sehr seltsam über die Rampe kommen. Ganz objektiv: Das Land, welches dort dargestellt wird, kenne ich nicht. Dort habe ich nicht gelebt.

Das wissen wir doch alles! wird der großherzige und zufriedene Ostler jetzt ausrufen. Warum reitet dieser Typ darauf rum? Kann der nicht einfach das Maul halten und den armen Altbundesbürgern ihr letztes bisschen Stolz lassen?

Hey Leute, bleibt entspannt! Ich schreibe hier für eine Untergrundgazette. Von unseren benachteiligten Mitbürgern liest das doch so gut wie keiner. Und diejenigen, die das lesen, sind längst übergelaufen. Ehrenossis. Es werden immer mehr. Viele haben sich eingeschlichen, und man erkennt sie gar nicht gleich. Auch aus Österreich und der Schweiz. Kachelmann ist so einer. Der wird so ein toller Liebhaber sein, dass das Frollein aus Schwetzingen ihn gern für sich allein gehabt hätte. Aber weil er nicht an die Leine wollte, musste er in Ketten.

Jedenfalls werden wir eines Tages die Mehrheit sein, und dann ist es endgültig vorbei mit dem Dornröschenschlaf in Deutschland. Schon jetzt kommt ein laues Lüftchen auf. Das ist erfrischend. Zur Fußballweltmeisterschaft wehte sogar schon ein ganz froher Wind durch unsere schwermütigen Seelen, so wie damals bei den X. Weltfestspielen der Jugend ’73. Wir Ostdeutschen erkennen die Zeichen. Nur im Aufbruch findet sich das wahre Glück. Der Weg ist das Ziel. Wir sind die Gefährten des Sturms. Spätestens seit November ’89. Davon werden wir ein Leben lang zehren.

Da können die lieben FreundInnen aus der ALETE-Welt nicht mitreden! Sie haben derweil schön gespart. Was zurückgelegt, aus fetten Zeiten. Nun können sie sich ab und zu was Schönes kaufen. Soll gegen Depressionen helfen. Der einen oder anderen Ostlady imponiert ja vielleicht auch deren schöne Häuser- und Autosammlung. Die Salonindianer im Milden Westen können ja nicht wissen, dass es noch andere Welten neben der ihren gibt. Die sind ja noch nie wirklich aus Schlumpfhausen raus gekommen. Neckermannurlaub in der Dritten Welt gilt nicht. Wir dagegen wissen sehr gut bescheid, wir durften die Welt wirklich von zwei Seiten kennen lernen.

Aber jetzt genug von der großen Politik! Ich schreibe hier für ein Musikmagazin. Während Frau Merkel die alte Bonner Republik sozusagen von oben politisch unterwandert (oder sagt man da überwandert?), passiert das auf kulturellem Gebiet schon lange. In der Popmusik gibt es derzeit eigentlich nur zwei Formationen, die weltweit von Relevanz sind: RAMMSTEIN aus Prenzlberg und TOKIO HOTEL aus Magdeburg. Kein Wunder. Ähnlich angestaubt wie die meisten westdeutschen Städte, ist auch der Zirkusbetrieb der westdeutschen Musiklobby. Ein unschlagbarer Vorteil der Musikschaffenden meiner Hemisphähre ist, dass wir in unserer Enklave heimlich zur Vollkommenheit reifen konnten. Sogar die Damen und Herren fortgeschrittenen Alters. Ich meine jetzt nicht PUHDYSCITYKARAT, die haben ihre Arbeit getan. Deren Denkmal ist gesetzt, die dürfen sich ausruhen und Oldiefeste feiern. Die machen MDR-Themenabend und sind so eine Art Wandermuseum. Unsere Galionsfiguren am alten Schlachtschiff namens Ostrock. Damit ist eigentlich DDR-Rock gemeint. Da es DIE ZÖLLNER schon seit ’88 gibt, haben auch wir noch eine winzige Aktie daran. Bin ich stolz drauf. Oder gibt es vielleicht Westrock-Festivals, so mit Klaus Lage, Wolf Maahn und Ina Deter? Nee! Die spielen zum 20-jährigen Bestehen des Kunsthofes Stubben-Borstel. Oder bei der SPD.

Das ist nicht unbedingt verwerflich, ich will damit nur sagen, dass manche Gesichter gesamtdeutsch eben schon verbraucht sind. Nur im Osten gibt es noch so etwas wie Überraschungspotential bei den gut gereiften Interpreten, SILLY haben das unlängst eindrucksvoll bewiesen. Sie erschienen plötzlich aus den Tiefen der östlichen Wälder. Und es sitzen viele weitere Musikathleten in ihren Startlöchern. ICH zum Beispiel.

Die anderen könnte ich auch gar nicht alle aufzählen, schon aus egoistischen Gründen nenne ich keinerlei Namen. Nur so viel: Mit einigen Schläfern teile ich mir gelegentlich die Bühne. So bei den 3HIGHligen oder bei OSTENde. Auch die Dame und den Herrn, die neben mir bei BIG SOUL am Mikrophon stehen, will ich nicht unerwähnt lassen. In dem speziellen Falle handelt es sich zwar um Importmaterial aus Hamburg und Mannheim, dieses gehört aber in die bereits erwähnte Kategorie der Eingemeindeten.

In aller Bescheidenheit: Ein sensationelles DIE ZÖLLNER-Album ist in Arbeit, die Konkurrenz tut mir jetzt schon Leid. Es sind natürlich, wie immer, auch westdeutsche Kollegen integriert. Nicht nur wegen der Quote. Die sind auch gut. Und sehr nett.

Freundschaft!
Dirk Zöllner

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