My body is a cage

Eigentlich sollte es am Karfreitag vorbei sein. Mit Jesus, am Kreuz. Ihr kennt die Legende. Und auch mit mir sollte es nun pünktlich zum symbolträchtigen Tag zu Ende gehen.

In Pforzheim, am Theater. Doch Ostern ist vorbei und ich sitze mal wieder im Zug. Heute Abend findet die erste Zusatzvorstellung von JESUS CHRIST SUPERSTAR statt. Die Passionspolonaise geht also weiter. Ich bin hoch erfreut über die erneute Auferstehung, denn ich habe es mir in den letzten vier Jahren am Kreuz recht bequem eingerichtet. Verzeiht mir bitte die Blasphemie, aber ich kann dieser albernen Wortspielerei einfach nicht widerstehen:  Es ist in der Tat eine Erholung, im permanent unsteten Gauklerleben mal eine Zeit lang festgenagelt zu sein! Denise, die geliebte Muse, wird in den nächsten Wochen mit Gottes Segen unsere Tochter Mimi zur Welt bringen, und ich habe mich schon ein wenig davor gefürchtet, während dieser Zeit wieder unkoordiniert auf Nahrungssuche gehen zu müssen. Da baue ich doch lieber ein schönes Nest und beobachte gemütlich die brütende Freundin!

Nun gut, ein paar Texte müssen auch noch geschrieben werden. Mein musikalischer Dauerpartner, der Keyboarder André Gensicke, hat einige Songideen für ein neues Zöllneralbum vorgegeben, und die erste Studiosession in der vorletzten Märzwoche war auch sehr ergiebig. Bei Katrin Lindner, im ehemaligen Farmlandstudio zu Quadenschönfeld, trafen wir uns dazu mit dem König der Cellisten Sonny Thet, mit dem alten Zöllnerbassisten Jenne Brüssow und mit zwei Musikern der SÖHNE MANNHEIMS, dem Gitarristen Andreas Bayless und dem Schlagzeuger Ralf Gustke. 70 Freunde und Fans konnten am Abend des 20. März dieser Begegnung lauschen und obendrein aktiv unsere Produktion unterstützen.

Herzlichen Dank dafür! Ebenso bedanken wir uns noch mal ausdrücklich bei Katrin Lindner, die uns ihre Räume lediglich gegen die Erstattung einer Unkostenpauschale zur Verfügung stellte.

Nicht nur die Geburt eines Kindes, auch die Geburt eines neuen Albums ist immer mit Schmerzen verbunden. Jeder Schöpfungsakt erfordert einige Anstrengungen. Ich bin nun davon überzeugt, dass es besser ist, diese mit wachen Sinnen zu durchleben. Also ganz bewusst zu erleben. Betäubung bringt null Punkte. Diese These ist mir schon einige Zeit bekannt und ich predige sie gern der werdenden Mutter. Nur mir selbst nützte dieses Wissen wieder mal nicht die Bohne. Eine Überdosis Rotwein verstopfte während der Studiosession einmal mehr das hochsensible Arteriensystem zwischen Herrn Gensicke und mir.

Ich habe unsere durchgeknallten Streitereien endgültig satt und mir den Rückzug verordnet. Mit den Zigaretten hat es ja auch geklappt. Und vielleicht bringt mich der Alkoholentzug nebenbei auch wieder in die gewünschte Gewichtsklasse.

Das Leben ist dramatisch genug und so unendlich kostbar. Mit jedem Verlust sehe ich klarer. Wieder ist ein guter Freund gestorben. Der Verleger und Veranstalter Andreas Ciesielski aus Kückenshagen. Noch 14 Tage vor seinem Tod haben Gensi und ich ein letztes Konzert in der Kückenshagener Winterscheune gegeben. Auch der Gitarrist Jörg Nassler war dabei. Und Mundharmonikaspezialist Doktor Blues aus Rostock, der unseren schwerkranken Freund die letzten drei Monate auch seelisch begleitete. Wir haben alle gespürt, dass der Abschied bevorsteht. Aber man kann nun mal nicht aufhören, an Wunder zu glauben.  Ich bin sehr traurig, dass es sie so selten gibt.

In einem vorherigen Monatsbericht befasste ich mich ja bereits mit dem sensiblen Thema Ärzte. Es ist ab einem bestimmten Alter für jeden Menschen ratsam, ein paar von ihnen im engeren Freundeskreis zu wissen. Nach einem Konzert zur Weihnachtszeit lernte ich einen Berliner Anästhesisten kennen. Er erzählte mir von den fortgeschrittenen Möglichkeiten der ärztlichen Betäubung und weckte damit meine Neugier.

Im Tausch gegen ein Lied, bescherte mir mein Drogendoktor nun endlich einen betreuten Trip durchs Universum des menschlichen Gehirns.

Intravenös werden mir im OP-Saal eines Krankenhauses verschiedene narkotisierende Mittel verabreicht. Unter anderem das berühmt berüchtigte Propofol, von dem Michael Jackson nicht genug bekommen konnte und fatalerweise dann doch bekam.

Propofol – Gehirnströme gleich Null

 

Den Soundtrack für diesen Film liefert mir jedoch nicht der schwarze King of Pop, sondern mein weißer King of Soul. Peter Gabriel mit „My body is a cage“ vom aktuellen Album „Scratch my back“. Ich verlasse meinen Käfig aus Fleisch und Blut. Während die sterbliche Hülle, an alle möglichen Kontrollapparaturen angeschlossen, auf dem OP-Tisch zurückbleibt, staunt meine freie Seele über die Unendlichkeit. Der süße unergründliche Schmerz der Liebe durchströmt mich. Ein Sinnesschauer jagt den nächsten.

Narkotikum Nr. 2 – Actionfilm im Kopfkino

 

Die schwangere Denise und unsere Patenbrigade, unsere Schmöllner Freunde Steffi und Tobi sind auch vor Ort, stehen da unten bei meinem Körper. Sie verfolgen gespannt die Aktion, die hilflosen Versuche des Mundes meinen Flug zu kommentieren. Sie sehen die flackernden Lichter in den Augen, Lachen, Staunen, auch so etwas wie ein stummes Weinen. Den weiten Blick.

Dirk Z. in gewohnter Pose – ihm zur Seite Tobi H. und Dr. Olaf S.

 

Der Doktor holt mich viel zu schnell zurück, ich kann das Gesehene nicht wirklich erfassen. Als mein Geist wieder in den Körper eintritt, schüttelt es mich wie ein kleines Kind, wohlig ergriffen von den emotionalen Erfahrungen. Fast eine Stunde soll vergangen sein, als mich die Delegation auf der Landebahn empfängt. Ich setze sanft auf und fühle mich wie neu geboren. Keinerlei unangenehme Nachwirkungen. Ein winziges Schwindelgefühl, aber nicht der Ansatz von einem Kater. Keine körperlichen Entzugserscheinungen. Nur im Kopf ein paar Flausen, die Sehnsucht nach einer Extrarunde. Der Doktor lässt sich nicht erweichen. Wir schlenkern also lachend nach Hause. So etwas sollte echt verschrieben werden! An Stelle dieser psychoanalytischen Manipulationen.

Ja! So abgedroschen es klingen mag: Liebe ist alles! Lacht mich ruhig aus, es ist mir schnurz. Ihr, die Ihr darüber lacht, seid der Liebe nicht fähig. Selbst wir, die darüber niemals lachen würden, tun uns schwer der Liebe allzeit angemessen zu begegnen. Immer wieder passieren schwere Unfälle. Gerade deshalb, weil die Liebe anwesend ist. In der Euphorie wähnt man sich unverwundbar!

Nur bei meinen Kindern, da passieren mir diese Unfälle nie. Noch nie! Selten passieren sie bei Denise und mir. Aber ganz oft zwischen Gensi und mir. Immer zwischen mir und meinem Bruder. Ja, sogar zwischen mir und meiner Mutter. Meinem Vater.

Mein Vater ist mir letzten Mittwoch beim Nestbau zur Hand gegangen. Es begann so fröhlich und endete mal wieder verheerend. Wir sind uns unheimlich ähnlich. Grobmotorisch. Zuerst rennen wir gemeinsam durch alle Wände und zuletzt uns gegenseitig die Köpfe ein. Aber wir gehören auch gemeinsam zu den wenigen nicht nachtragenden Menschen. Dafür haben wir nun wirklich keine Zeit.

Ganz schnell wird einem verziehen, wenn man sich in seinen Schwächen offenbart. Nicht zuletzt durch die Reaktionen auf meine monatlichen newsletter konnte ich diese Tatsache feststellen. Meldungen über die eigenen Erfolge erzeugen Antipathie. Das Eingeständnis der Niederlage verschafft dem Leser Oberwasser, er schwelgt sozusagen im Rausch seiner scheinbaren charakterlichen oder körperlichen Überlegenheit. Hände und Herzen werden plötzlich gereicht. Und jede Menge guter Ratschläge. Frei Haus. Zum Beispiel zum Thema Konzentrationsschwäche im letzten Monat: Der Sangeskollege Tino Eisbrenner riet mir beispielsweise, ich müsse endlich versuchen, Boden unter meine Füße zu bekommen. So wie er. Das ginge am besten durch schamanische Sitzungen auf seinem Mecklenburgischen Hof. Vielen Dank, lieber Tino - aber leider kann ich aus schon genannten Gründen gerade nicht weg.

Da ist die Einnahme von Vitamin B12, so wie es meine Mutter empfahl, zeitlich wesentlich effektiver. Nur leider sehr teuer. Eine Dosis für 10 Tage kostet in der herkömmlichen Apotheke um die 25 Euro. Mein Busenfreund Jogi Neumann sprach schließlich die magischen Worte: HEIDELBERGER SPIRUNELLA! Tabletten, aus der Blaugrünalge gewonnen. Über Internet zu beziehen. Und er hat Recht: Für 25 Euren kriegt man auf diesem Weg ein Dosis B12 verabreicht, die mindestens über ein halbes Jahr reicht.  Und das Zeug zeigt Wirkung - ich bin wieder jung! Eine meiner nächsten Töchter wird Spirunella heißen.

Doch nun erstmal Mimi. Ich bin sehr aufgeregt und hoffe, dass sie noch Ende des Monats das Licht unserer schönen Welt erblickt, denn ich möchte unbedingt dabei sein. Ich werde euch berichten, ob auch alles geklappt hat. Und natürlich von den kleinen Pannen drum rum!

Dirk Zöllner

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