Hey, wir wolln die Eisbärn sehn!

So wie sich die Lebenslage zum Jahresende emotional zuspitzt, so macht sich unter den Menschen zum Jahresanfang eine bleierne Müdigkeit breit. Die Partys sind gefeiert und beim Berliner Schneeschleim gehen nur Masochisten vor die Tür. Die Stadt sieht aus wie eine Kloake, von einem riesigen Köter zugeschissen. Gute Vorsätze lassen schlechte Laune aufkommen. Ohne traditionelle Kommunikationsverstärker ist man gesellschaftlich nicht kompatibel.

Zugegeben, ich rede hier von mir! Doch diesmal ist alles halb so wild, das Martyrium hält sich in Grenzen. Die Temperaturen liegen weit unter dem Gefrierpunkt und der ständige Neuschnee macht das winterliche Berlin erträglich. Ich bin Nichtraucher, aber es fällt mir nicht so schwer wie die drei vorherigen Male. Die Muse ist ja schwanger und schon seit Monaten allen Giften abhold. Im Auto und im Hotelzimmer habe ich da nikotintechnisch schon eine Weile mitgezogen.

Der akute körperliche Rauchzwang ist nach wenigen Tagen überwunden. Aber die fehlende Tätigkeit des Rauchens erfordert eine Ersatzhandlung. Essen. Und es schmeckt ja auch plötzlich wieder. Vergessene Geschmacksnuancen kehren zurück.
Glücklicherweise ist auch die unausbleibliche Gewichtszunahme neben einer Schwangeren nicht so augenfällig. Hey, ich werde in diesem Jahr 48 Jahre alt, da werde ich mir doch wohl einen kleinen Bauch leisten können!

Laut Überlieferung wurde Jesus mit 33 Jahren ans Kreuz geschlagen. Als ich die Hauptrolle in Andrew Lloyd Webbers Rockoper Jesus Christ Superstar erstmals übernahm war ich bereits 43. Ich will damit sagen, dass man nicht alles so eng sehen sollte. Auch, wenn die bildlichen Darstellungen eines Erlösers mit Bauch eher unüblich sind. Um alle Klischees über Bord zu schmeißen, habe ich mir in den ersten Januartagen auch gleich noch die Haare abgeschnitten. Hat sich keiner beschwert bei den drei letzten Vorstellungen in Pforzheim.

Mein Soloabend im Pforzheimer Theater war wiederum ausverkauft. Die Musiker spielten hervorragend, das Publikum war fantastisch, aber ich war nicht so gut drauf, wie beim ersten Mal.

Vom plötzlichen Nichtrauchen bin ich auch ein wenig schwach auf der Brust. Kein Witz! Ich muss dauernd rumhüsteln, so wie damals, als ich meine Raucherkarriere begann. Und diese Nervosität, um die Konzerte herum! Ich muss zugeben, dass die Unterlassung der einen Droge den Gebrauch der anderen forciert hat. Beim Rotwein habe ich mich mehrfach in der Dosis vergriffen. Öfter als üblich und leider schon vor oder während des Konzertes. Vor allem bei den Besuchern des Duokonzertes in der Dresdner Passage möchte ich mich prophylaktisch entschuldigen.

Die richtige Dosierung ist sehr wichtig, da braucht man Erfahrung. Die Theaterrolle gelingt stocknüchtern am besten, höchstens ein Glas Sekt oder eine Weißweinschorle zur Auflockerung. Um einen Auftritt in einer Skihütte authentisch und gleichermaßen erfolgreich zu absolvieren, bedarf es einer Druckbetankung.


Ende Januar reisten wir für drei Auftritte nach St. Anton in Österreich. Der Gitarrist Wolfgang Schmiedt aus Rostock hatte Gensi und mich dazu eingeladen. Außerdem noch die Sängerin Susi Koch und den Drummer Christoph Keck. Wir nannten uns die Rostock Cowboys und spielten 2 Konzerte im Rahmen eines großen Ärztekongresses. Meine eigenen Lieder gemixt mit souligen Covernummern. Eigentlich hasse ich ja derlei Dienstleistungen, aber es hat hervorragend funktioniert und eine Woche Skiurlaub in Österreich bezahlt man auch nicht mal so nebenbei aus der Portokasse.

Ich konnte zudem auch noch die Muse mitnehmen und den Paten von Meerane, Axel Lorenz, zu ihrer Betreuung. Beide lehnen jegliche Art der Fortbewegung auf Wintersportgeräten ab.

 

Der Pate betreute außerdem die Tonanlage bei den Konzerten und steuerte selbst das eine oder andere Liedchen zum Gelingen des Abends bei.

Der dritte Auftritt findet, wie schon angedeutet, zur Après Skiparty in der Sennhütte an der Piste 1 statt.

 

Schlag 15 Uhr tritt der Alleinunterhalter Didi Diesel eine Lawine von Zoten und Gassenhauern los. Auf der anderen Seite rollen Paletten von hochprozentigen Getränken am Fließband zu den derben Holztischen, um die sich Skifahrer aus aller Herren Länder drängen. Innerhalb einer halben Stunde verwandelt sich die Hütte in einen grölenden, schwitzenden und stampfenden Hexenkessel. Didi Diesel zieht alle Register, er spielt Gitarre, Keyboard, Saxophon, Trompete, Schlagzeug, Akkordeon zum Halbplayback und bedient nebenbei Ton und Lichtpult.

Ich bekomme es mit der Angst zu tun. Von AC/DC bis DJ Ötzi – alles, was irgendwie laut ist, wird gnadenlos abgeschossen. Das internationale Auditorium tanzt auf den Tischen. Hey, wir wolln die Eisbärn sehn – jetzt werden sogar die Puhdys vom deutsch-italienisch-englisch-russisch- und weißichwassprachigen Brutalochor in den anbrechenden Abend gebrüllt. Der fast kollabierende Didi Diesel kündigt uns an. Ladies & Gentlemen, liebe Damen und Herren: Die Rooostoooock Cowboooooys!!!

Christoph kickt die unvermeidliche Viertelbassdrum ins Schlachtfeld, Gensi pumpt das Gebilde zusätzlich mit fetten Keyboardbässen auf und Wolfgang legt das Riff der alten Marvin-Gaye-Nummer „I heard it through the grapevine“ darüber. Ich springe gut vorgeglüht auf die Bühne und knalle der versammelten Satansbrut todesmutig die deutsche Textvariante um die Ohren: „Ich hörte es durchs Bierglas“.

Gott sei Dank! Du hast mich nicht verlassen und wendest deinen Blick hinab zu mir an diesen dunklen Ort. Es läuft, es rollt. Das Publikum und die Band verschmelzen zu einem einzigen Tier, zur brüllenden tobenden Interwurst. Susi singt Soulstandards in Hardcoreversion, ich sogar eigene Songs wie „Arschgesicht“ und „Alles oder nichts“. Glaube ich jedenfalls. Der Höllenschlund verschluckte mich irgendwann, es wurde dunkel. Mir war so, als ob ich Didi Diesel am Ende des Höllentrips Arm in Arm mit unserem Paten sichtete. Und der servierte der ersterbenden Masse als Lolo Lorenz den „Griechischen Wein“.

www.lolo-lorenz.com

Punkt 18 Uhr ist der ganze Spuk vorbei. Wie ich samt Skiern wieder vom Berg in unsere heimische Ferienunterkunft gelangt bin, kann ich nicht mehr rekonstruieren. Jedenfalls wurden wir gleich für Februar 2011 engagiert. Fazit: Kein Alkohol ist auch keine Lösung.

Gute Nacht, Euer Zöllner

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