All that Jazz!

Was macht ‘n Jazzmusiker mit einem Lottogewinn? Mit dieser Frage beginnt ein abgedroschener Szenewitz. Die Antwort lautet: Er spielt so lange, bis das Geld alle ist!


Benefizkonzert für die Opfer der Flutkatastrophe in Pakistan

 

Darüber kann ich nicht mehr lachen. Die von mir hoch geschätzte Produzentin Annette Humpe empfiehlt, dass wir es mit unserem neuen Album bei einem Jazzlabel versuchen sollten. Für meinen Partner André Gensicke ist das der musikalische Ritterschlag, für mich eher eine Ohrfeige. Gensi sagt mir gelegentlich im rotweinbedingten Wahrheitsrausch, dass ich gar kein richtiger Musiker sei. Das sehe ich auch so. Denn richtige Musiker haben den Tunnelblick. Und Jazzmusiker sind Autisten. Ich dagegen brauche Liebe!

In den letzten Jahren war der Job als Jesus mein Lottogewinn. Die regelmäßigen Theateraufführungen haben mir ermöglicht, die übliche Tingelei auf ein Minimum zu beschränken. Ich habe nur dort gespielt, wo auch bisschen Freude über den Tisch kam. Auf unzähligen Benefizfestivals, bei Musikertrinkgelagen, überall wo man netten Rock’n‘Roll - Freaks begegnet. An magischen Orten. Meist mit Gensi und Axel Lorenz, dem Paten von Meerane. Ich habe außerdem meinen Horizont erweitert, mit klassischen Musikern gespielt, bin mit Theaterleuten aufgetreten und mit Liedermachern getourt. Und ich habe das neue „Jazzalbum“ betextet, mitkomponiert und produziert. Nun ist das Geld alle!

Benefizkonzert im Leipziger Anker für die Kinderhilfe Afghanistan

 

Ich konnte es mir außerdem leisten, auf Fremdkörper zu verzichten. Also auch auf ein professionelles Management. Meine geliebte Muse stürzt sich für mich in den Krieg der Zettel und sortiert die Konzertanfragen. Booking betreibt sie mehr oder weniger sporadisch. Seit der Geburt unserer Tochter Mimi teilt sie sich das Sporadische mit dem Paten von Meerane. Ich würde es sehr gern beim Familiären belassen und die Liebsten am liebsten dazu ermutigen, voll ins Geschäft einzusteigen.
Die Flowerpowerkommune. Vom Glück bekifft, bis zum Ende aller Tage!

HOPE-Gala in Dresden – Benefizveranstaltung zu Gunsten der Deutschen AIDS-Stiftung

 

Aber ich habe natürlich Angst. Mit meinem geliebten Bruder bin ich 30 Jahre lang Schulter an Schulter durch die Welt gehüpft. Schließlich ein paar Jahre auf allen Vieren gekrochen. Die größte Niederlage meines Lebens!

Doch ich versuche immer wieder, meinem Idealbild zu frönen. Ich will nicht zur Schicht gehen und mich danach im Familiennest wieder reanimieren lassen. Geteiltes Glück, geteiltes Leid. Alles andere ist sinnlos. Das Texten ist vielleicht ein harter einsamer Job, aber die Auftritte und das ganze Drumherum sollen der Lohn dafür sein!

Tribute to Tino – Gedenkkonzert für den verstorbenen Tino Meister

 

Jetzt bin ich gerade auf dem Weg zur Liedermachergala in Leipzig, ist auch wieder ein Freundestreffen. Zugfahrt, Hotel, Essen und Rotwein werden gestellt. Ich muss mich ablenken, diese elende Warterei macht mich mürbe. Ich habe das Albummaterial trotz Frau Humpes Empfehlung erst mal an VALICON weitergegeben, dem Produzententeam, die auch SILBERMOND und SILLY betreuen. Vor über zwei Wochen! Komme mir vor wie jemand, der eine ausgeklügelte Bewerbung abgeschickt hat und auf Anstellung hofft. Wenn die mir absagen, bin ich erst mal im Arsch. Das Klinkenputzen macht mich krank, aber es gibt keinen, der es mir abnimmt.

Natürlich können wir unser Zeug auch auf einem kleinen Label rausbringen, so wie meine letzten beiden Scheiben. Aber irgendwie hab ich diesmal keinen Bock drauf. Die Bläser sind am Start! Gitarrist und Schlagzeuger der Söhne Mannheims. Meine hoch verehrte Bobo (in White Wooden Houses) hat ein Duett mit mir gesungen. Xavier Naidoo will uns sogar noch die Ehre geben. Es ist das erste DIE ZÖLLNER Album seit 13 Jahren! Da stecken Blut, Schweiß und Tränen drin und ich will, dass alle Beteiligten dafür entlohnt werden.

Aktion „Dach überm Kopf“ beim Straßenfegerfest in Berlin

 

Mein Problem ist eigentlich, dass ich alles sofort will. In einem halben Jahr interessiert mich die Platte ja vielleicht gar nicht mehr. Annette Humpe fragte mich auch, welche Zielgruppe ich denn so vor Augen hätte. Alter Verwalter! Darüber habe ich mir noch nie den Kopf zerbrochen. Eigentlich geht es mir nur um mich selbst. Ich bin kein guter Mensch! Auf alle Fälle kein Verkäufer.

Andere Kollegen machen sich einen tierischen Kopf um das Geschäft, verkaufen aber trotzdem nicht viel. Zum Beispiel mein Ostende-Kollege IC Falkenberg. Auch wenn ich ihn als Künstler schätze, aber vor lauter Business kommt der gar nicht mehr zum Lachen. Schade eigentlich, denn unser gemeinsames Projekt war gut. Und die jungen Kollegen habe ich sehr geliebt. Aber der Stress mit dem Eigenbrötler geht mir auf den Sack. Bei allem R E S P E K T!
Blabla.

Gedenkkonzert für den Ostrock in Waren (Müritz)

 

So. Das musste raus. Wenn man alles runterschluckt, kriegt man womöglich Magengeschwüre. Oder wird dauerhaft böse. Lieber mal kurz und heftig.

Auch bei der im Januar 2011 stattfindenden 3HIGHligentour mit André Herzberg und Dirk Michaelis sind stressige Situationen vorprogrammiert, aber diese beiden Kollegen kann ich wenigstens als meine Freunde bezeichnen. Sicherlich werden wir danach mal wieder ‘ne Pause voneinander machen müssen, aber die Freundschaft wird das nicht nachhaltig berühren. Denn es handelt sich um Künstler, auf der Suche nach sich selbst.

Im Februar spielen Jazzgensi und ich mit den Rostock Cowboys in Österreich und Anfang März habe ich mal wieder drei Konzerte mit Regy Clasen, Rolf Stahlhofen und der SWR Bigband. Ich weiß gar nicht, ob wir uns überhaupt noch BIG SOUL nennen dürfen. Da gibt es doch jetzt unter selbigem Namen den barocken Frauenchor aus einer dieser Superstarshows. Mal sehen vielleicht rennen uns die Menschen ob der Namensgleichheit auch die Bude ein und wir werden geschlachtet, weil wir in der Summe natürlich viel zu dünn sind. Vor allem die kleine Regy ist alles andere als eine dicke Mama. Singt aber so!

So. Leipzig ist in Sicht, ich muss aussteigen.

20 Jahre Liedertour mit Manfred Maurenbrecher, Jörg Kokott, Frank Oberhof, Francis D.D. String und vielen anderen

 

Da unser Album mit Sicherheit nicht wie geplant im April erscheinen wird, bin ich mit meinem Autisten weiterhin an magischen Orten anzutreffen. Im Duo Infernale. Ich hoffe, Ihr besucht uns!

Entspannte Jahresendtage wünscht Euch Euer
Dirk Zöllner!

PS: Unsere Devotionalien-Beauftragte Carmencita hat versprochen, vor Weihnachten den Shop auf www.dirk-zoellner.de mal auf Vordermann zu bringen, vielleicht ist ja das ein oder andere Angebot dabei.

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