Wo ist der Hund?

Für die monatlichen Betrachtungen meiner kleinen Erfolge und Niederlagen habe ich viel Zuspruch erhalten. Ihr habt mich also darin beflügelt, diese weiterhin mit euch zu teilen. Denn Freude verdoppelt sich dadurch bekanntlich, während sich das geteilte Leid halbiert. Vielen Dank!

Sonntag, 8. Februar 2009, 20.15Uhr – 21.45Uhr, genau in dieser Zeit wurde Yvonne Adam von ihrer Tochter Isabelle entbunden. Der stolze Vater, mein Freund André Gensicke, war live dabei und hat mir versichert, dass es der spannendste „Tatort“ seines Lebens war. Herzlichen Glückwunsch!

Ich nutze die Schonfrist für den jungen Vater um an einem „Zöllnersongbuch“ zu arbeiten, welches der Kückenshagener Scheunenverlag im Sommer 2009 herausgeben möchte. Hinter jedem Lied stecken Geschichten und die wollen wir im Buch hinzufügen. Auch die nicht notenfesten Zöllnersympathisanten sollen etwas mit der Veröffentlichung anfangen können. Während eines 3wöchigen Aufenthalts auf Hiddensee habe ich diese Erinnerungen meiner jungen interessierten Freundin Denise zum Besten gegeben und sie hat nun alles für euch festgehalten. Doch das nur am Rande!

Es ist neblig. Wir landen mit der letzten Fähre und mit Einbruch der Dunkelheit am 7.2.09 in Neuendorf  auf Hiddensee. Als einzige Passagiere. Mit zwei Rollkoffern, Rucksäcken, Gitarre, Laptop und natürlich dem berüchtigtem „Bermudadreieck“, der überdimensionalen Handtasche meiner Muse. Dieses Gepäck müssen wir nun, über weite Abschnitte auf schlammigen Pfaden, zu unserem etwa 5 km entfernten Heidehäuschen transportieren. Trotz allen körperlichen Martyriums bleibt die gehobene Stimmung in Erwartung des idyllischen Domizils weitestgehend stabil. Viele unserer besten Freunde haben hier bereits erfolgreiche Auszeiten genommen, sogar der empfindsame André Herzberg. Und auch wir werden entlohnt. Doch keine Rose ohne Dornen!

Das Häuschen befindet sich in einsamster Lage, direkt hinter den Stranddünen zwischen Neuendorf und Vitte. Es gehört einer Berliner Schriftstellerin, eines der Zimmer aber ihrem Hiddenseer Stiefvater. Wir bekommen ihn die ersten 14 Tage weder zu Gesicht noch zu Gehör, wohl aber seinen Hund. Einen Golden Retriever, an einer Laufleine,  mit Schneemanngesicht! Unsere Herzen schlagen Purzelbaum und alle Voreingenommenheiten, verursacht durch desaströse Erlebnisse mit Berliner Hundefäkalien werden schnell über Bord geworfen. Ihr erinnert euch an den Titel „ROOOT!“ vom letzten Zöllneralbum „7 Sünden“.

Wir informieren unsere Berliner Vermieterin und übernehmen bereitwillig die Pflege des herrchenlosen Geschöpfes. Morgens und abends bekommt er jeweils einen Becher voll Trockenfutter, aber wie ich auf den Strandgängen erstaunt feststellen kann, stellt die abgegebene Menge ein Mehrfaches der eingenommenen dar. Diese Futterpellets scheinen sich im Magen in ausgewachsene Rindersteaks zu verwandeln! Das und auch vieles andere werde ich nun lernen, oder auch lernen müssen. Zum Beispiel, wie sich Hundekot durch ein Plastiktüte anfühlt, und dass man einem Hund manchmal nur mit der Machotour kommen kann, wenn man noch halbwegs eigene Bedürfnisse umsetzen will. Entschuldigung, aber im Ansatz ist mir das schon durch den Umgang mit meinen Kindern bekannt! Wie diese strapaziert auch ein Hund die Nerven des verzückten Betreuers bis zur Neige. Die Tatsache des naturgesetzlichen Undankes ließe sich noch auf andere Beziehungen übertragen, doch ich möchte euch mit meinen subjektiven Erkenntnissen verschonen.

Nach etwa einer Woche lässt Denise der Gedanke nicht mehr los, dass sich das rechtmäßige Herrchen von  „Arni“ eventuell verstorben in seinem Zimmer befindet, und wir konfrontieren den Dorfsheriff mit dieser Möglichkeit. Der ist von zarter Statur, und ich muss es nach mehrfachen Versuchen seinerseits selbst übernehmen, die Tür zu „öffnen“. Entspannung! Keine Leiche. Wir erfahren aber bei dieser Gelegenheit, dass ein akutes Alkoholproblem vorliegt.

Nach einer weiteren Woche steht ein Fahrrad vor der Tür, und das hellhörige Haus wird fortan durch einen Fernseher dauerbeschallt. Wir sind dennoch erleichtert, hoffen auf Normalisierung und rechnen mit dem Ende unserer „Verpflichtungen“. Das Tier will ja nur fressen, wenn man ihm dabei Gesellschaft leistet, und auch die Notdurft wird nur außerhalb des Hofes verrichtet. Mit Einbruch der Dunkelheit will es in seinem Schuppen zur Nachtruhe gebettet werden. Diese Prozedur lassen wir am Abend des 24. Februars schweren Herzens weg, um dem vielleicht etwas irritierten Hundbesitzer eine unauffällige Übernahme zu ermöglichen. Erstmalig besuchen wir das „Godewind“ in Vitte und werden von Barmann „Gurke“,  nach einigen Gläsern Whisky, in ein paar Inselinterna eingeweiht. Einsamkeit und Arbeitslosigkeit im Winter bringen ein allgemeines Alkoholproblem mit sich und der Mitbewohner unseres Heidehäuschens befindet sich wohl bedauerlicherweise im fortgeschrittenen Stadium.

Als wir gegen Mitternacht zurückkehren und unser Ziehkind noch immer an der Laufleine hängt, lassen wir ihn doch noch mal kurz frei. Er will aber entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten nichts von uns wissen und legt sich stumm vor die Haustür. Es herrscht Frost, und alle wohlwollenden Versuche, ihn in seinen Schuppen zu locken, werden ignoriert. Als ich ihn beim Halsband nehmen will, beißt er plötzlich zu. Die Hand, die ihn zwei Wochen fütterte und kraulte, schmerzt und blutet fürchterlich! Oh Judas!

Mein Besuch beim Medizinmann am darauf folgenden Tag macht die Inselgemeinschaft auf die traurige Situation aufmerksam, und so wird nicht nur mir Hilfe zuteil, sondern auch dem schwerkranken einsamen Trinker. Man kümmert sich um seine Überweisung zur Entgiftung in eine Greifswalder Klinik. Auch beim Abtransport am Donnerstagabend bekommen wir den Leidenden nicht mehr zu Gesicht. Er schämt sich und übermittelt uns durch einen Nachbarn, dass wir seinen Hund mitnehmen können. Hurra!!!

Ich sehe mich schon fast in der lächerlichen Rolle des Hundebesitzers in Berlin-Friedrichshain, als uns unsere Freundin Elke Neugebauer zu Hilfe eilt. Sie bewohnt ein altes Gutshaus in Götemitz auf Rügen und will die Pflege von Arni übernehmen. Die Überfahrt mit der Fähre gestaltet sich noch relativ unproblematisch, doch das arme Tier ist noch nie in seinem Leben mit dem Auto gefahren. Mir fehlt noch immer die Kraft, das Drama dieser Überführung im Detail zu schildern, ich überlasse das eurer Fantasie!

Jedenfalls scheint es ein Happy End zu geben. Für den Hund. Er wird sich schnell zurechtfinden in seiner neuen Umgebung. Wir dagegen sind wieder in Berlin und leiden unter Entzugserscheinungen. Und der arme Kerl in der Greifswalder Klinik gleich doppelt. Wir werden ihn besuchen, denn geteiltes Leid…

Dann kriegt er die Telefonnummer von Elke. Vielleicht ist das hilfreich für die Genesung, wenn er weiß, dass er den Hund wieder zurückholen könnte. Am Sonnabend, dem  7. 3. haben wir eine Musiklesung in der Stadt, im St. Spiritus. Das ist doch irgendwie schon wieder lustig! Oder?

Ein Hund in der Stadt geht wirklich nicht. Aber ich werde mir wohl wenigstens eine Leine zulegen. Mit der gehe ich dann spazieren.

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