Urlaub in Italien

Nach dem Marathon der letzten 2 Jahre habe ich beschlossen, den August ganz der Zweisamkeit zu widmen. Nur das letzte Wochenende hat uns der „Master of Desaster“ Elmar Werner abgetrotzt, denn es gilt noch ein paar Schulden abzuarbeiten, die das Israelprojekt verursacht hat. Dresden und Finsterwalde standen auf dem Programm, und die Termine werden natürlich ein paar Tage vorher abgesagt. Ich kann nur mir selbst die Schuld geben, denn trotz besseren Wissens lasse ich mich immer wieder auf die Aktionen des abenteuerlichen Managers ein.

So ist der Urlaub mit meiner Muse auf knapp über 2 Wochen begrenzt. Eine Reise nach Sizilien vor drei Jahren ist in unserer Erinnerung märchenhaft verklärt. Wir waren frisch verliebt. Verliebt sind wir noch immer, aber man gewöhnt sich selbst an den größten Luxus. Nach der Ostseetour gilt es nur noch die Fensterbriefe, Emails und den ganzen Steuerscheiß aufzuarbeiten. Wir sind gut eingespielt, Denise bucht am 4. August einen Flug nach Neapel. Süditalien soll es diesmal sein. Am Morgen des 7. August, brechen wir mit zwei kleinen Rucksäcken auf. Ich bin stolz auf mein flexibles unkompliziertes Mädchen. Na okay, die unvermeidbare Damenhandtasche geht natürlich auch noch mit auf die Reise. Ich nenne das Teil Bermudadreieck, denn die Tiefen dieses geheimnisvollen Terrains sind unergründlich. Nur Denise selbst gelingt es, den jeweils benötigten Gegenstand in unter drei Minuten ans Tageslicht zu befördern. Handy, Geldbörse, Pässe, Reiseführer, Flugtickets, Fotoapparat, Aspirin, Sonnencreme, Autoschlüssel, Lesebrille – alles, was man eben mal so auf der Stelle benötigt.

Die Straßen Berlins sind verstopft, wir lassen das Auto am Adlergestell stehen und nehmen die S-Bahn. Eine halbe Stunde vor Abflug sind wir am Flughafen Schönefeld, alles geht gut. Neapel ist der Hammer, alle Verkehrsregeln scheinen aufgehoben zu sein. Das absolute Chaos! Auf den ersten Blick wirkt diese Stadt wie eine Müllhalde. Meine kluge Freundin hat, entgegen meiner Reisetraditionen, schon von Berlin aus ein Hotelzimmer in zentraler Lage gebucht. Erstmal ankommen! Wir haben eine riesige Terrasse auf dem Dach und bestaunen den Moloch erstmal von oben. Beim Eintauchen in die verwinkelten Gassen der Altstadt bekommt man einen anderen Blick. Wir finden ein Fischrestaurant am Meer und trinken viel vom leichten Hauswein. Herrlich! Auch für die Terrasse nehmen wir gleich noch welchen mit. Weit nach Mitternacht sind es immer noch um die 30 Grad. Am nächsten Morgen flüchten wir per Fähre an Capri vorbei Richtung Süden.

Natürlich wird der alte deutsche Schlager von den Capri-Fischern ausgiebig geschmettert, und wir landen nach zwei, drei Stunden bestens gelaunt irgendwo am Spann des Stiefels. Es dauert eine Weile, bis wir ein Moped ergattern. Die Küste ist zugeschissen mit Touris, und Fahrzeuge jeglicher Art sind knapp. So sieht es natürlich auch mit bezahlbaren Unterkünften aus. Ich nehme die Rucksäcke zwischen die Beine, hinter mich die Muse mit Bermudadreieck und heize erstmal los, immer die Küste des Cilento runter. Das Bild ändert sich nicht. Herrliche Natur, aber das eigentliche Meer ist ob der Sonnenschirme kaum zu orten. Kein Problem, mich interessiert ohnehin mehr das Hinterland. Nach etwa hundert Kilometern biegen wir in selbiges ein.

Wie auf Sizilien, so gibt es auch hier überall diese herrlichen kleinen Orte, die Schwalbennestern gleich an den Bergen kleben. Wir sind erstaunt über die Üppigkeit dar Natur, das hätten wir in diesen warmen Gefilden nicht so erwartet. Was ich allerdings auch nicht so erwartet habe, sind die Temperaturen. In den Höhen über 1000 Metern wird es abends mitunter doch recht frisch. Als mir die Muse auf dem Berliner Treppenabsatz noch Sweatshirt und Jacke aufschwatzte, habe ich sie verspottet. Nun bin ich ihr dankbar.

Ich liebe es, durch die Serpentinen zu kurven, mit der klammernden Muse im Rücken, und so schrubben wir täglich zwischen hundert und zweihundert Kilometer durch Kalabrien. Abends Pension in einer der Schwalbennestorte oder Agritourimo. Das sind landwirtschaftliche Betriebe, Weingüter oder Obstplantagen, die sich dem Fremdenverkehr geöffnet haben. Eindeutig die beste Variante, in Italien zu übernachten. Zwischen 50 und 100 Euro für zwei Personen mit Frühstück. Meistens auch mit einem fantastischen mehrgängigen Abendbrot inklusive herrlichen Weines, soviel man zu trinken vermag. Wir können, denn es gilt das Leben zu feiern.

Durchs Innenland schrauben wir uns allmählich in die Stiefelspitze hinein. Im Silagebirge erwischt uns einer der zu dieser Jahreszeit seltenen Regengüsse. Die Wolken stauen sich in den hohen Tälern. Wir bewegen uns fortwährend unter einer der dunklen Ansammlungen und werden nass bis auf die Knochen. Kleine Rinnsale wachsen an zu schlammigen Strömen und überfluten die Straße. Wir müssen das Moped teilweise schieben.

Als Anhänger des gemäßigten Chaos bin ich natürlich schwer begeistert. Hier kann mir meine Geliebte erstmalig nicht so richtig folgen und es schleicht sich geringfügig Irritation ein. Ein Abstecher zum Meer ist unerlässlich, ein bisschen Sonne und Strand für das partnerschaftliche Gleichgewicht. Ohne langes Rumgesuche betreten wir einen weniger frequentierten Strandabschnitt. Der Eingangsbereich gleicht einem Hotelfoyer, helle Liegen und Sonnenschirme mit angeschraubten Aschenbechern. Die Beschallung mit Europop ist für italienische Verhältnisse moderat. Es laufen überall Hostessen rum und servieren neonfarbene Drinks. Eine der Damen kassiert erstmal 50 Euro für die Liegenbenutzung. Scheiß drauf, das hat sich meine Muse verdient! Kontraste machen ein gutes Leben aus, ich reiße mich zusammen. Die 50 Euro werden wir jetzt abliegen. Da bin ich geizig. Sehr zur Freude meiner Liebsten. Nix mit Reinspringen und gleich wieder aufs Moped! Zur Betäubung gibt es Aperol Sprizz, kostet natürlich extra. Feuerwerk gibt es auch, kostet nichts. Sieht man aber auch nicht, am helllichten Tag. Ich stelle mir vor, wie Heerscharen von Menschen ihren Urlaub abliegen. War ja teuer. Viele müssen ihre Häuser abwohnen, schreckliche Zweifamilienhäuser in Wohngettos. Neben schrecklichen Nachbarn. In ungeliebter Ehevergatterung das Leben ableben! Also, was soll das?! Ich finde die 50-Euro-Strandparzelle immer besser. Ich finde sie – im rechten Licht betrachtet – richtig geil!

Bei Tropea, schon fast an der Stiefelspitze, bekommen wir auf einem Campingplatz tatsächlich einen freien Bungalow direkt am Meer. Und wenn man ein paar Schritte läuft, gibt es sogar einsame Strandabschnitte!

Beim Erkundungsgang schrecke ich ein Pärchen versehentlich beim Liebesakt auf. Hier is was los - hier bleiben wir zwei Tage! Sogar auf Europopbeschallung wird weitestgehend verzichtet, ich kann es kaum glauben und bin sehr froh. Denise ist überglücklich.

Auf Platz 1 der für Italien typischen Eindrücke rangieren mittlerweile aus heruntergelassenen Autofensterscheiben hängende Arme. Überall zu sehen. Wie seltsame Tiere, unabhängig von ihrem Besitzer. Manchmal hängen 2 raus und führen gestikulierende Gespräche. Überhaupt lassen Italiener gerne mal was raushängen. Ältere Männer und junge Mädchen ihre Bäuche. Obwohl. Ältere Mädchen auch. Generell sind hier fast alle gut im Speck.

Kein Wunder bei den allabendlichen 5 Gängen. Dazu gibt es dann im Fernsehen Dauerwerbesendungen für Diätpillen. Und im Gegensatz zur Dauerbeschallung im öffentlichen Urlauberleben werden im Fernsehen die nationalen Künstler gepflegt. Es wird ausschließlich italienisch gesungen. Stars mit echter Dauerwelle, reichlich Kajal und schwarzer Haarfarbe werden im Akkord und in Vollplayback über eine kleine Studiobühne geschleift und jeweils mit orkanartigem Applaus vom Band bedacht. Überhaupt neigt der Italiener zu maßloser Übertreibung.

Ob zu vierundzwanzigst beim Abendessen, mit Kind und Kegel beim mitternächtlichen Besichtigen einer Sehenswürdigkeit oder in gesamter Großfamilie am Strand. Cousins, Schwippschwäger, alles wird mitgenommen. Außerdem noch die halbe Wohnungseinrichtung. So kommt es überall am Strand zu wahren Sonnenschirmwäldern. Liegestühle, Tische, Kühlboxen, Windschutz, alles muss mit. Und wurden vor lauter Hektik und aus Versehen doch nur 4 aufblasbare Schwimmelemente pro Kind mitgenommen – kein Problem. Fliegende Händler verkaufen Luftmatratzen und weiße Haie direkt an den bequem liegenden Kunden. Dabei handelt es sich im Übrigen fast ausschließlich um Afrikaner. Also bei den Händlern. Die sind ansonsten – also in anderer Mission – kaum zu sehen an der italienischen Küste. Vermutlich leben die in aufblasbaren Gummihäusern... Und zwar an Orten, zu denen keine normale Straße hinführt.

Es liegt mir fern auf unseren italienischen Brüdern und Schwestern herum zu hacken. Es ist eben wie überall. Ich bin kein Freund von Massenansammlungen. Immer mehr zieht es mich an einsame Orte in der Natur.  Zu Hause und auch an allen anderen Orten der Welt. Wir machen so viele Abstecher ans Meer, dass mir mein teures Weib gewogen bleibt.

Es sei einfach Niemandem mit meinem Nervenkostüm geraten, die italienische Küste zur Hauptsaison zu bereisen. Im Früh- und Spätsommer mag das anders aussehen. Wie in vielen südlichen Ländern ist gerade der August für die Menschen keine Zeit zum Arbeiten. Das ist bei den Temperaturen auch nicht möglich. Gut beraten ist man immer mit einem Moped, so sind die magischen Orte schnell erreichbar.

Auch auf Wegen, die dem Auto verwehrt bleiben. Zu achten ist allerdings auf die Kubikzahl. Mit 50 kommt man weit, bleibt aber bei Zweimannbesetzung + Gepäck an Hängen mit über 15% Steigung auf der Strecke. Ein weiterer Vorteil der Vespa ist das lässige Vorbeifahren an Verkehrsstaus und das stoische Missachten von Einbahnstraßenschildern.

Leider müssen wir unser treues Gefährt nach zwei Wochen abgeben.

Die Rückreise nach Neapel wird per Bus angetreten. In düsterer Vorausahnung haben wir uns in der Bar am Busbahnhof schon mehrere Sprizze genehmigt. Kein Fehler. Der Fahrer ist ein Wahnsinniger, nur meditierend gelingt es mir die Fassung zu bewahren. Mir ist zumute wie bei einer wirklich schlimmen Flugzeuglandung. Nur dauert diese hier mehr als eine Stunde. Der Kerl versucht, die durch anfängliche Staus verursachte Verspätung herauszufahren. Nervlich völlig demoliert erreichen wir mit Einbruch der Dunkelheit den Hexenkessel Neapel. Wieder war mein wunderbares Mädchen vorausschauend. Wir verbringen noch zwei Nächte in gediegener Unterkunft auf dem Dach der Stadt.

Tagsüber werden noch ein paar Klamotten gekauft, denn hier gibt es sogar Schuhe, die mir gefallen. Und bezahlbar sind die auch noch. Und so melde ich mich zufrieden, leidlich erholt und gut durchgebraten zurück.

Euer Dirk Zöllner

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