Sommeranfang. Sofort!

Wir sind auf dem Weg nach Meißen, dort findet heute das große Jubiläumskonzert der Sterncombo statt. 45 Jahre! Zöllner & Gensicke sind als musikalische Gäste geladen. Die Muse sitzt am Steuer und will nicht mit mir reden. Gensi macht Kreuzworträtsel. Ich bin übel gelaunt. Und völlig verrotzt. Es regnet natürlich. Wie schon den gesamten Juni. Was soll denn das? Hallo - es ist Sommer!

Außerdem habe ich Kopfschmerzen, ich musste gestern wieder soviel Rotwein trinken. Wir waren Gäste von FAIR PLAY im Richtershorn am See zu Grünau. Das ist die Berliner Hochburg der Country- und Westernmusik. Ich habe immer ein wenig Angst vor verkleideten Menschen und brauchte die Dröhnung, um geschmeidig zu bleiben. Letztendlich hat das dann auch gut funktioniert. Ich verstehe die Sportler. Wie soll man mithalten ohne Doping? Einer amerikanischen Studie zufolge erreichen Rockmusiker im Schnitt nur ein Alter von 36,4 Jahren. Im wirklich großen Geschäft werden ja auch Waffen ganz anderen Kalibers aufgefahren. Aber egal ob Rotwein oder irgendein anderer Scheiß, alte drogenabhängige Musiker sehen immer albern aus. Was soll man machen? Auch wenn ich heute eine Depression habe, so habe ich doch definitiv keinen Bock darauf, vorzeitig den Löffel abzugeben. Aber auf einen anderen Beruf habe ich erst recht keinen Bock. Vielleicht weniger auftreten und mehr schreiben? Texte für andere, und die dann damit auftreten lassen. Lustige Puppen. Sollen die sich doch mit irgendwas zuknallen und früher sterben!

Für die Juliausgabe der Melodie & Rhythmus habe ich den Reisebericht unserer Israeltour geschrieben. Ohne Gage. Dafür sollte unsere Ostseetour und das zeitgleiche Erscheinen des ersten Zöllnersongbuches „Texte, Noten, Anekdoten“ angekündigt werden. Den Reisebericht haben sie abgedruckt. Die Termine findet ihr hier im Anhang.

Wie das immer so ist mit der seltsamen Zeitwahrnehmung, lag der Abgabetermin fürs Songbuch gerade noch in bequem weiter Ferne. Und auf einmal blieben uns nur noch 3 Tage. Wir haben also weitestgehend darauf verzichtet, ins Bett zu gehen. Gensi kann die Noten nun wahrscheinlich im Schlaf runterbeten (wobei ich glaube, das konnte er auch vorher schon), Denise kennt die gesamte Geschichte der Zöllner nun in- und auswendig (vermutlich besser als viele Bandmitglieder) und ich kann mittlerweile einige meiner eigenen Songs auf der Gitarre spielen (darunter sogar ein paar, die ich auf der Gitarre komponiert habe!). Wir haben uns also richtig Mühe gegeben für unser Baby, das – wenn alles gut geht – am 15. Juli das Licht der Welt erblicken wird, und das wir dann während der Ostseetour schon mal an den Mann bzw. Musikanten oder interessierten Leser bringen werden.

So, jetzt scheint plötzlich die Sonne. Mir geht’s gleich besser. Noch 70 km bis Meißen. Vielleicht kann ich ja doch ohne Rollkragenpullover auftreten.

Letzte Woche war ich mit meinen drei Jugendfreunden auf Wanderschaft. Unglaublich erholsam, mal nicht über Musik reden zu müssen! Kalle baut Werkzeuge und Maschinen, Yogi ist Ornithologe (das hat was mit Vögeln zu tun!) und Klaffi beseitigt Brandschäden.

Alle verfügen über ein ungeheures Spezialwissen, und es hat mir großen Spaß bereitet, ihnen zuzuhören. Klaffi verfügt außerdem über einen unerschöpflichen Fundus an Witzen. Yogi hat sehr darunter gelitten, dass seine gefiederten Freunde von unserem Gegröle auf Abstand gehalten wurden. Zuerst waren wir im Thüringer Hainich, einem alten Militärübungsgebiet, das jetzt zum Naturreservat erklärt wurde. Hier findet man wirklich noch natürliches Waldgebiet, mit Buchen, Eichen und anderen Laubgewächsen, die mehrere hundert Jahre auf dem Buckel haben. Eine Attraktion des Hainich ist der Baumkronenpfad, man taucht hier in eine völlig unbekannte Welt ein. Ein wogendes grünes Meer.

Die anderen Tage haben wir dann in der Uckermark verbracht. Kolbatzer Mühle (www.kolbatzer-muehle.de) ,ganz in der Nähe von Lychen. Holger Schmidt hat dort einen Abenteuerspielplatz für Individualreisende gebaut. Genau unsere Baustelle! Kalle und Yogi schliefen in einer Art Höhle, einem Blockhaus unter der Erde. Ich teilte mir mit Klaffi eine kleine Blockhütte direkt am See. Während Yogi auf Vogelpirsch ging, bemühten wir uns um das Abendbrot. Salonindianer wären nach Lychen gefahren, zu Aldi. Wahre Kerle schmeißen Angeln aus. Und die Könige unter ihnen fangen auch noch was. Wir hatten jedenfalls am zweiten Abend einen anständigen Hecht auf dem Grill!

Ich könnte jetzt bescheiden sein, aber es will mir einfach nicht gelingen: Ihr könnt mich Eure Exzellenz nennen. Ich war der Hechtkönig!

***

So, jetzt ist Sonntag, wir fahren zurück nach Berlin. Es scheint tatsächlich die Sonne, pünktlich zum kalendarischen Sommeranfang. Gensi fährt, die Muse hat schlappgemacht.

Der Tag gestern hat dann doch noch eine extrem gute Wendung genommen. Wir mussten das Konzert eröffnen. Keine so leichte Aufgabe, als Duo auf einer großen Freilichtbühne. Seltsamerweise kam es zu einem Rollentausch. Gensi hatte Lampenfieber, während ich - entgegen meiner Natur - völlig entspannt blieb. Die Menschen waren sofort gut drauf und bei „Viel zu weit“ bekamen wir a cappella Unterstützung von MuSix.

Auf ihrem letzten Album haben die Jungs unseren Titel gecovert. Ich war leicht angesäuert, wegen einer textlichen Schlamperei, bin aber durch die Livebegegnung vollends versöhnt. Ihr Auftritt hat mir sehr gut gefallen! Aber vor allem der Auftritt der Sterncombo hat mich überrascht. Sie haben sich nun konsequent für die Pflege ihres ganz frühen Werkes entschieden, und trotz der verzwickten Monumentalarrangements hat es extrem gegroovt. Außerdem war ganz neues Material im alten Stil zu hören, und da ging es richtig ab.
Den sehr bewegenden Livebericht könnt Ihr unter www.deutsche-mugge.de berichte/scm200609/  lesen.

Gensi und ich waren gut angeglüht, euphorisiert und bühnensüchtig. Bei „Kampf um den Südpol“ enterten wir schließlich das Parkett und drängten uns der Geburtstagsband als Backgroundsänger (und -tänzer) auf.

Natürlich wurde der Abend lang, denn es gab viele lustige Wiederbegegnungen. Der Sänger und Abenteurer Arnulf Wenning, mein Freund und Förderer Walter Cikan, die alten Heroen von den Klosterbrüdern, mehr oder weniger gealterte Musen, lange nicht gesehene Weggefährten und Freunde, wie Hosenjens aus Greifswald. Der unglaubliche Reinhard Fißler war auch wieder vor Ort, in seinem Krankenbett, an das er seit nunmehr über vier Jahren gefesselt ist. Ich verehre ihn für seine Kraft. Und natürlich auch als Sänger.

Berlin ist in Sicht und ich muss heute noch die Koffer packen, morgen früh beginnen die Endproben in Pforzheim. Am 10. Juli ist die Uraufführung der neuen Inszenierung von Jesus Christ Superstar am dortigen Theater. Die ist schon ausverkauft, aber ab 3. Oktober starten dann die regulären Vorstellungen.

Macht’s gut und bis bald!
Euer Dirk Zöllner

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