Oh Oooodenwald!

Wie groß ist eigentlich ein Fender Rhodes? Und wie groß ist ein Fender Rhodes mit Case drumherum? Und in welchen PKW passt ein Fender Rhodes mit Case drumherum, zusätzlich zu einem Amp für das Fender Rhodes mit Case (natürlich ebenfalls mit Case), einem Roland Keyboard, einer Gitarre, einem Cello, einem Haufen Technik, diversen Taschen und Rucksäcken mit Unterwäsche, Socken und Sonstigem für 7 Tage und – wichtigstes Detail: 4 Personen. Und wen kann man so was fragen, an einem Montagabend?

„Witzig, ich steh grad neben so nem Fender“, sagt Axel, der Pate von Meerane am Telefon. Dass es sehr groß ist, weiß ich selber. Dass es sauschwer ist, auch. Wird ja liebevoll „totes Pferd“ genannt. Weswegen die Variante, es aufs Dach zu schnallen, schon mal ausfällt. Da fällt mir ein, gab es nicht einen Film mit Jack Black in der Rolle eines seltsamen Erfinders? Der ein Spray erfunden hat, mit dem man Hundekot einfach verschwinden lassen konnte? Dessen Lieblingspferd aus Versehen von seinem missgünstigen Nachbarn mit der Armbrust erschossen wurde, und dieser dann versuchte, das tote Tier auf dem Dach seines Kombis in einer stürmischen Nachtundnebelaktion fortzuschaffen, aber irgendwie muss es unterwegs an einer Brücke oder so hängen geblieben sein, denn als er ankommt, ist es nicht mehr auf dem Dach, und da bricht er in Panik aus und... Also kein Fender auf dem Dach.

„Und was ist mit einem VW Bus wie beim letzten Mal?“ - Ja, das wäre natürlich die bequemste Lösung. Aber nachdem ich eine gefühlte Woche mit jeder denkbaren Autovermietung telefoniert habe, musste ich von der Idee abrücken. So ein Bus kostet für eine ganze Woche so dermaßen unglaublich viel Geld. Und auch wenn allen Familienmitgliedern der Zöllnerbande die Ausstrahlung von schwerreichen Rockstars quasi in die Wiege gelegt wurde: soviel Geld haben wir nicht übrig im Moment. Deswegen ja die Frage nach dem PKW...

„Ach so. Na ja fahrt doch mit zwei Autos.“

Tz. Das ist wieder so typisch.

Am Dienstag morgen, 10 Uhr Berliner Zeit, finden sich also André Gensicke (Tasten), Sonny Thet (Saiten), Dirk Zöllner (Stimmbänder) und meine Wenigkeit (Hut auf) am Studio ein. Das Fender Rhodes mit Case drumherum passt problemlos in Gensis Opel, wenn man die Rückbank umklappt. Der Rest verteilt sich ebenso problemlos auf die beiden Autos. Start gen Odenwald pünktlich um 10:25 Uhr.

Ober-Hainbrunn soll also für eine Woche unser Domizil im Odenwald sein. Eingerührt hat das der Gitarrenschlumpf Andy Bayless, der mit seinem roten Wohnmobil an der Kreuzung Mückenloch-Hirschhorn auf uns wartet. Im Dunkeln erreichen wir das Haus von Christl und seiner Freundin Ulla. Kaum ist Quartier bezogen, werden gleich die Instrumente ausgepackt. Es muss noch geprobt werden für morgen. Morgen heißt in diesem Fall Köln-Arena. Showtime 20 Uhr und nur 30 Minuten Zeit. Für welche Songs, welche Zusammenstellung entscheidet man sich.

Ich lasse die Herren basteln und fahre in den nachbarortlichen Supermarkt, um für Verpflegung zu sorgen. Nach anderthalb Stunden bin ich mit Tannzäpfle Bierchen und einheimischem Rotwein im Gepäck zurück. Die Liste steht, das Set dauert genau 28 Minuten. Perfekt. Prost.

Der nächste Morgen beginnt unmenschlich früh. Das Panorama vor dem Fenster gestattet zum ersten Mal einen Blick bei schummrigem Tageslicht auf den Odenwald. Beziehungsweise seine dicht bewaldeten Hänge, die nach oben hin im Nebel verschwinden. Kann doch höchstens kurz nach 7 sein. Sonny ist doch schon vor mir aufgestanden. Er sitzt im Musikzimmer (das praktischerweise durch eine große Glasscheibe vom Wohnzimmer getrennt ist) und übt. Ich kümmere mich um den Kaminofen und das Frühstück. Nach und nach kommen alle aus ihren Löchern. Seltsam. Sind doch alles notorische Langschläfer, und schon so früh wach? Haste gedacht. Ist schon kurz nach 12. Heller wird’s wohl heute nicht da draußen. Also entwickeln alle hektische Betriebsamkeit, schließlich wollen wir um 1 starten. Alle, außer Dirk. Der sieht gar nicht gut gut gut aus, hat Fieber und verbringt die Fahrt nach Köln stöhnend auf der Rückbank. Kurz vor 17 Uhr treffen wir schließlich in der Köln-Arena ein und werden backstage in einem zugigen Gang hinter neben der Bühne geparkt. Der Gitarrenschlumpf verschwindet, um unsere Pässe zu besorgen (merke: ohne Pass bist du Nischds), dafür bewacht uns ein Trupp Security. Der Chef ist so hoch wie breit, guckt finster und hat ein Haarnetz auf. In den Gangsterfilmen sieht das schon albern genug aus. Live erst recht. Wir sollen schon mal die Instrumente aufbauen. Seine Jungs werden die dann auf die Bühne bringen. Wir sollen uns erst bewegen, wenn er uns ein Zeichen gibt. Ich packe Dirks Gitarre aus. Gensi bockt das tote Pferd auf. Sonnys Blick pendelt zwischen seinem mit 70.000 Euro versicherten Cello und der Haarnetzgang. Beim ausgemachten Zeichen trägt er es dann selbst auf die Bühne, sehr zum Verdruss des Sicherheitschefs.

Der Soundcheck gestaltet sich sehr ausführlich, aber es soll ja auch alles perfekt klingen für die 12.000 Menschen, die heute Abend zuhören werden. Einige Mitglieder der Xavier Naidoo Band, die im Übrigen alle sehr freundlich sind, lauschen heimlich, was denn der Gitarrenschlumpf da so angeschleppt hat. So richtig scheint ihm keiner zuzutrauen, hier was Passendes auf die Bühne zu stellen. Aber an verschiedenen Stellen wird schon mal zustimmend genickt.

Das Set ist einmal durchgespielt, das Ensemble Uferlos (das sind wir) bewegt sich im Gänsemarsch Richtung Produktionsbüro – unsere Pässe sind fertig. Irre. Mit einem Pass wird man sofort zum normalen Menschen und darf sich frei bewegen. Der Dirk bewegt sich sofort Richtung Garderobe und verschwindet in einem dunklen Nebenraum. Der Sonny, der Gensi und ich sondieren erstmal das Catering. Straußensteak. Glasierte Möhrchen. Herzoginkartoffeln. Schokoladenmousse. Wiener Rolle. Nicht übel. Für den Darbenden bringen wir Kamillentee und Knäckebrot mit in die Garderobe (Luxuriös, wie es sich für eine Vorband gehört! Beim Xavier könnte ich Flauscheteppich und PS2 erspähen!), wo wir auf den Ralf und den Andy treffen.

Zwischendurch vielleicht ein kurzer Crashkurs in Mundart: das Umfeld vom Xavier Naidoo wirft unglaublich gern mit Artikeln um sich, insbesondere wenn es um Namen geht. Die Denise ist für Dialekte jedweder Art von Haus aus sehr anfällig. Innerhalb kürzester Zeit hatte ich also auch allen einen Artikel verpasst. Wobei mir gerade auffällt, dass auch unser persönlicher Gastgeber für diese Nacht seine Freundin als „die Judith“ bezeichnete (sie ihn am Telefon auch als „den Sven“, wenn ich mich recht erinnere), und der ist immerhin gebürtiger Kölner und weigert sich, einen Fuß auf baden-württembergischen Boden zu setzen. Das Phänomen muss seine Wurzeln woanders haben. Ich forsche weiter.

In fünf Minuten muss das Ensemble Uferlos an der Bühne Gewehr bei Fuß stehen.

Der Dirk erhebt sich von seiner Liege im Trockenraum, begibt sich wortlos in den Waschraum, lautes Kampfgeschrei ertönt (Tee und Knäckebrot waren doch keine gute Idee), die Musiker wechseln ratlose Blicke. Was macht man da? Einen Eimer neben das Mikrofon stellen? Wie uncool...

Die Tür geht wieder auf. „Wir können“, sagt der Dirk und wirft sich das Haar zurück. Eine halbe Stunde später ist schon alles vorbei, aber gut gegangen. Trotz halber Kraft gibt es viel Lob von allen Seiten. Wir schauen uns noch ein paar Songs vom Xavier an, dann werfen wir den Fiebernden unterwegs im Bett ab und gehen mit dem Sven noch ein paar Kölsch verhaften. Immerhin ist der 11.11. - Alaaf. Oder so.

Wie sich herausstellt, dauert der Virus glücklicherweise nur knappe 24 Stunden. Die Rückfahrt in den Odenwald ist gut überstanden worden, und bis zum nächsten Auftritt – laut Gitarrenschlumpf nur eine Party in einer Schule – kann man ordentlich ausschlafen. Der allmorgendliche Blick aus dem Fenster birgt auch nicht viel Neues. Samstag nachmittag machen wir uns also auf den Weg nach Echzell. Vorbei an Falken-Gesäß. Und Linsengericht. Die Schule entpuppt sich als Schloss, das ein Internat beherbergt, die Party als runder Geburtstag der Schlossherrin. Wir hatten uns klamottentechnisch dem Schlumpf angepasst (zwar keine Jogginghosen, aber schon olle Jeans und Turnschuhe), der kommt uns allerdings in standesgemäßem Beinkleid entgegen – Verräter! So stehen wir ein bisschen dumm rum zwischen den ganzen Abendkleidern und Sakkos. Egal. Die Musikanten sind spielwütig und lassen sich nicht lange bitten. Es wird eine lange Nacht. Das Frühstück gefühlte zwei Stunden nach dem Zubettgehen fällt familiär und herzlich aus. Die Hausherrin heißt uns jederzeit willkommen, und beim nächsten Besuch wird sich auch der Haushund von seiner besseren Seite zeigen. Der hatte die ganze Party über vor der Bühne gelegen, was an sich nicht schlimm gewesen wäre, hätte er nicht Blähungen schlimmster Sorte gehabt. Die Denise jedenfalls musste ab und zu das Weite suchen...

Von Echzell fahren wir direkt nach Pforzheim, der Dirk muss ans Kreuz. Ich verabschiede mich gleich ins Hotel. Offenbar ereilt mich nun dasselbe Schicksal. Von der – wie die Publikumsreaktionen zeigen: grandiosen – Vorstellung kriege ich leider nichts mit. Am nächsten Morgen ist nicht wirklich Besserung in Sicht. Die Hotelchefin, die einige Wochen zuvor ja auch den kranken Gensi schon kuriert hat, schickt mir zum Frühstück Kamillentee und Haferschleim. Ich würde am liebsten einfach liegen bleiben. Aber wir haben keine Wahl. Und der Dirk keinen Führerschein. Kurz hinter Karlsruhe muss ich dann doch auf dem Standstreifen halten. Der Haferschleim war eine blöde Idee. Sofort ist ein Polizeiwagen hinter uns. Sich übergebende Frauen sind kein schöner Anblick, daher nicken die Beamten Dirk nur aufmunternd zu und fahren weiter. Noch ein kurzer Zwischenstopp bei Heidelberg, dann darf ich auch ins Koma fallen.

So richtig komme ich erst am Dienstag wieder zur Besinnung. Heute steht die zweite Support Show in Mannheim an. Offenbar ist eine Menge passiert, während ich flach lag. Das  Dreiergespann hat jede Menge musikalischer Ideen umgesetzt. Zwei Kompositionen stehen, zwei weitere sind gerade im Aufbau, und alle haben noch jede Menge Ideen. Der Odenwald, auch wenn er meistens düster und vernebelt ist, scheint eine gute Inspirationsquelle. Wenn alles so weitergeht, kann die erste Aufnahmesession für das neue Zöllner Album im März 2010 stattfinden.

Aber erst mal heute Mannheim SAP Arena.

Dieses Mal gibt es ein großes Hallo mit dem Securitychef bei unserer Ankunft. Auch die Techniker sind superfreundlich, und alle werfen mit guter Laune um sich. Das Catering verheißt heute Tafelspitz, Limonenzander, Rumpsteak, Himbeertiramisu und frisch gepressten Karotten-Ingwer-Saft. Ein Glück geht es meinem Magen wieder gut. Das hätte ich mir nie verziehen!

Wie sich herausstellt, hatte der böse Virus auch den Gitarrenschlumpf ereilt, aber nur bis gestern. Heute fühlt er sich wie neu geboren, also startet das Ensemble Uferlos mit 200% Energie. Und zwar spürbar! Alles passt, jeder Break sitzt (na gut, das ist bei Ralf Gustke jetzt nicht so ein Wunder), die Stimmung ist blendend und schwappt auch auf das Publikum über. Axel, der Pate von Meerane, der extra nach Mannheim gekommen ist, und ich schwingen mit der Masse zu „Gut aus“. Großes Kino.

Gensi und Sonny verabschieden sich gleich nach der Show, sie wollen noch zurück nach Berlin fahren. Dirk und ich nehmen die Hälfte der Strecke in Kauf und werden in Meerane übernachten, aber vorher ziehen wir uns noch die Show vom Xavier rein. Gegen halb 6 morgens treffen wir uns dann mit Axel in seiner Küche auf ein Gute-Nacht-Bier.

Schön war's im Odenwald, und aufregend. Aber am schönsten ist, dass zum ersten Mal seit Ewigkeiten beim Aufwachen wieder die Sonne durchs Fenster scheint.

http://www.myvideo.de/watch/7106241/Soehne_Manheims_Mannheim_Tour_Backstageberichte_16_11_2009

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