Entschleunigung

Der ersten Wochen des neuen Jahres waren mir wohl gesonnen, und dank der erfolgreich begonnenen Entschleunigungskur wird mein Leben intensiver. Allmählich erkenne ich Details, die meinem gehetzten Auge schon einige Zeit verborgen blieben.

Okay, dass mir einiges verborgen blieb, liegt natürlich nicht nur am sinnlosen Hin – und Hergehetze. Für den klaren Durchblick benötige ich mittlerweile auch eine Brille!

Ich habe mir bei Schlecker schon ein paar preiswerte Modelle zugelegt, aber die eignen sich leider nicht für den öffentlichen Einsatz.

Für die 7Sündenlesungen hat mir meine junge aufmerksame Freundin ein großbuchstabiges Manuskript gefertigt, denn die Schriftgröße im 7Sündenbuch stellt schon für Menschen ohne Dioptrien eine Herausforderung dar. Abgesehen davon, dass ich nicht unbedingt über ein Hut- und Brillengesicht verfüge, bleibt mir physiognomisch ohnehin nur eine sehr beschränkte Auswahl. In meiner äußerst wilden Kindheit und Jugend brach ich mir bzw. brach man mir gelegentlich das Nasenbein. Mein Nasenrücken ist nun mit einer durchschnittlichen Brille nicht mehr kompatibel.

Mitte Januar war ich nun mit meinem kleinen Sohn Egon samt Schlitten im Mauerpark. Um den Jungen nicht zu verschrecken, ging ich natürlich auch diesmal ohne Brille. Und nur deshalb entging mir, dass sich die Schneedecke des Hügels bereits in eine spiegelglatte Eiskruste verwandelt hatte. Trotz intensivster Bremsversuche kachelten wir in einem Affenzahn auf die stark befahrene Strasse zu und es blieb mir nichts weiter übrig, als drastische Rettungsmaßnahmen einzuleiten. Das Kind an den gestreckten Armen aus der Gefahrenzone haltend, stoppte ich die Todesfahrt durch ein geschicktes Lenkmanöver. Mein Knie war ohnehin schon angeschlagen, durch einen unglücklichen Sturz auf der Theaterbühne auf Königsstein im August letzten Jahres. Nun ließ ich also Selbiges frontal mit einem Baum kollidieren. Als ich ersterbend feststellen konnte, dass dem weinenden Kinde lediglich der Schreck in die Glieder gefahren war, wurde mir schwarz vor den Augen.

Zum Glück habe ich mir nichts gebrochen und glücklicherweise sind die Musiklesungen durchweg Sitzmuggen. Und die laufen gut, so dass ich meine Entschleunigungstherapie durchziehen kann. Glück auf der ganzen Linie!

Die Lesung in Görlitz habe ich mit meiner jungen dünnen Freundin alleine durchgezogen, weil André Gensicke von seiner jungen hochschwangeren Freundin gerufen wurde. Er will und soll unbedingt live dabei sein.

Das ist nun 14 Tage her, aber das Baby hat die Ruhe weg, ganz wie der Vater. Vielleicht kommt es ja heute und wir müssen in Fürstenwalde wieder ohne Gensi auftreten. Mal unter der Hand: Irgendwie funktioniert das ja auch und außerdem erhöht sich dadurch meine Gage! Dafür sinkt der Rotweinkonsum beträchtlich und die nächtliche Schlafenszeit steigt proportional. Und das ist wichtig, denn ich will ja auch in 20 Jahren noch eine passable Figur auf der Bühne abgeben. Tina Turner schläft 10 Stunden am Tag - ich habe es gelesen! Und ich habe sie vor wenigen Tagen live gesehen! Und sie sieht gut gut gut aus!

Überhaupt habe ich endlich wieder Zeit und Bock für und auf Kunst und Kultur. Im Leipziger Centraltheater sah ich begeistert die Klimarevue von Reinald Grebe und im TiSCHtheater neben dem Schokoladenladen (Berlin, Ackerstrasse) das beeindruckende Einmannstück „Bewerbungen“ mit meinem alten Schulkameraden Christian A. Hoelzke. Es läuft noch bis kommenden Montag.

Ein künstlerisches Erlebnis war für mich auch die Mitwirkung im Elektroprojekt „Sergejewitsch meets Hähle“.  Dafür habe ich den Text „Idylle im Krieg“ von Andreas Hähle vertont und bei der Liveperformence in der Weddinger Osterkirche am letzten Sonnabend war ich einer der Gitarristen der Band. Und einer der Sänger. Aber eher Gitarrist als Sänger! Jawohl!

Nun kommt die nächste Stufe der Ausbremsung. Meine Muse hat uns für die nächsten 3 Wochen ein Haus auf Hiddensee gemietet und ich hoffe, sie geizt nicht mit ihren Küssen. Ich möchte neue Songs schreiben! Außerdem werden wir gemeinsam die Entstehungsgeschichten der wichtigsten alten Songs aufschreiben, als Zugabe für ein Songbuch, welches im Sommer dieses Jahres erscheinen wird.

Ich bin dann mal weg! Wir sehen, oder hören uns wieder im Wonnemonat März!!! Ich wünsche euch einen schmerzfreien Winterausklang.

Dirk Zöllner

Zurück