Israel

Liebe Freunde,

nachdem ich vor fünf Jahren mit dem Projekt „D-Rock@Israel“ musikalisch durch Israel tourte, und in der Zwischenzeit auch noch durch meine Rolle bei Jesus Christ Superstar einen tieferen Bezug zum heiligen Ort empfinde, reiste ich nun mit meiner Muse noch einmal ins gelobte Land. Zwei Wochen sollten uns bleiben für eine komplette Rundreise. Nun ist Israel nicht besonders groß, gerade einmal von der Größe Hessens. Man könnte meinen, wir hätten uns also Zeit lassen können. Stattdessen haben wir die Vielfältigkeit des Landes wieder nur angekratzt.

Es gab so viele Eindrücke, so viele Gerüche, Farben, ein neuer Reiseführer ließe sich  schreiben. An einigen unserer Impressionen will ich Euch teilhaben lassen.

Mit dem Mietwagen starteten wir am Flughafen von Tel Aviv und nahmen uns zuerst die Westküste in Richtung Norden vor. Zwischen den Hotelburgen und Fabriken gibt es tatsächlich einige ruhige Badestrände, wo man lecker Cafe Latte serviert bekommt.

Einheimische Bikinischönheiten erblickt man leider selten. Temperaturen unter 30° Celsius werden wohl schon  als herbstlich empfunden. Die israelischen Frauen tragen mit Stolz ihre Armeeuniformen, mehr zeigen sie zu dieser Jahreszeit ungern her. Das konnte uns aber nicht davon abhalten, der Sonnenanbetung zu frönen und zu genießen: Mittelmeer im Oktober, Wassertemperatur 26°.

Vom tiefen Westen aus fuhren wir direkt bis an die östliche Grenze, zum nächsten Meer – dem Toten. Jedes mal wieder unglaublich, dass man auf den Wellen liegt wie auf einem Wasserbett. Nicht zu vergessen die kosmetischen Raffinessen.

In En Gedi verbrachten wir dann auch unsere erste Nacht unter fast freiem Himmel. Aber was heißt Nacht… wer schon mal im Nahen Osten war, wird wissen, dass dort im Herbst und Winter der Tag früh beginnt, aber auch genauso früh wieder endet. Spätestens 17 Uhr ist es stockfinster, wobei das Licht am Toten Meer, wenn die Sonne schon so tief steht, dass sie nicht mehr über die Berggipfel scheint, die Gegend in ein fast unwirkliches Licht taucht.

Gegen 19 Uhr, also zu fast nachtschlafender Zeit, sollte in En Gedi die uns schon aus dem Berliner Franzz Club bekannte Band Funk’n Stein (www.myspace.com/funknstein) im Rahmen des Tamar Music Festivals spielen. Wir machten es uns also unter einem der Baldachine gemütlich und harrten der Dinge und Besucher, die da kommen würden. Sie kamen nicht zahlreich, die Besucher, und ich fühlte mit ihnen… aber die Band gab alles! Nach zwei Stunden Party zerstreute sich die Gemeinde, und wir blieben fast allein zurück im herrlich warmen Open Air Bettchen.

Der findige Israel-Besucher studiert – im Gegensatz zu uns – in der Regel vor seinem Aufenthalt den Reiseführer, in dem auf die entsprechenden Gepflogenheiten der Einheimischen hingewiesen wird. So zum Beispiel findet sich im Baedeker der Hinweis darauf, dass in Israel das Nachtleben selten vor 23 Uhr beginnt. En Gedi sollte da keine Ausnahme bilden. Als ich, die Muse schlummernd an meiner Brust, bereits auf halbem Wege ins Traumland war, wurde mein Frieden abrupt von schmerzhaftem Bassgewummer und dem Eintreffen zahlreicher Jugendlicher gestört.

Es wurde eine kurze Nacht. Der Trost wartete aber in Form des noch menschenleeren Salzstrandes im Licht der ersten Sonnenstrahlen.

Aller guten Dinge sind drei. Aller Meere auch. Also begaben wir uns nach einem kurzen Frühstück auf die Route 90 gen Eilat – zum Roten Meer. Sonntag. Die Ferien in Israel gingen zu Ende, auf der Gegenfahrbahn wälzte sich eine Blechlawine in Richtung Norden vorwärts. Kaum zu glauben, wie sich derartige Menschenmassen auf dem winzigen Stück israelische Küste von gerade vielleicht 10 Kilometern drängen. Aber wir konnten uns ein deutliches Bild machen. Von Strand war nicht mehr viel zu sehen. Also ab in die Fluten, ein paar bunte Fische erschnorchelt und weiter.

Vom südlichsten Zipfel des Landes nahmen wir den Weg zurück in den Norden durch die Wüste Negev. Wir passierten den Machtesch Ramon, den größten Erdeinbruch der Welt...

... und machten Halt in einem Kibbuz bei Sde Boqer, wo Ben Gurion begraben liegt. Hinter dem Ort entspringt die Quelle En Avdat, eine der schönsten Naturerscheinungen im Negev. Mitten in der Wüste gibt es hier zwischen beängstigend hohen Schluchten einen Wasserfall. Wir folgten dem in der Broschüre eingezeichneten Pfad, steile Treppen hinauf, enge Pfade entlang des Felsens bis zur Quelle des Bächleins. Wären wir eine Woche später hierher gekommen, hätten wir wahrscheinlich die israelischen Niagarafälle vorgefunden. Aber dazu später mehr.

Ebenfalls im Reiseführer – den wir nun doch gelegentlich konsultierten – war zu lesen, dass man „mit etwas Glück Steinböcken begegnen kann“. Wir hatten offenbar echtes Glück. Ganze Steinbockfamilien, ach was, Herden, kreuzten unseren Weg.

Unsere nächste Station war Jerusalem, wo wir auch die meiste Zeit am Stück verbracht haben. Der Israelkenner und umtriebige Musikmanager Elmar Werner hatte uns eine Unterkunft im Paulushaus der Heiligen Schwestern besorgt, die einer Festung, einem Schlachtschiff aus Stein gleich dem Chaos und bunten Treiben der Stadt trotzt.

Von der Dachterrasse blickt man direkt auf das Damaskus-Tor, den wohl wildesten Zugang zur Altstadt, man sieht die Grabeskirche auf dem Berg Golgatha, den Felsendom und die Al Aqusa Moschee. Außerdem war die Übernachtung mit 70 Euro die günstigste auf unserer gesamten Reise. Natürlich abgesehen von der Flower Power Variante am Strand. Insgesamt ist Israel ein ziemlich teures Pflaster geworden.

Für Jerusalem haben wir uns Zeit gelassen, sämtliche Märkte und Viertel genauestens erkundet, einen Dankeszettel in der Klagemauer hinterlassen, echten Apfelstrudel im Österreichischen Hospiz gegessen, und an der Kreuzwegprozession entlang der Via Dolorosa (die Straße der Schmerzen) teilgenommen – denselben Weg, den Jesus einst gegangen sein soll.

Für den Ölberg haben wir uns ebenfalls einen Tag Zeit genommen, das gesamte Areal aber auf getrennten Wegen erkundet, um uns beim abendlichen Getränk (the taste of the Israeli vine holds himself in borders...) unsere Erlebnisse zu berichten. So fand Denise zum Beispiel heraus, dass viele Grabplätze auf den oberen Terrassen des Ölbergs bereits an amerikanische Juden verkauft worden sind. Für 70.000 Dollar das Stück! Ebenso wird gemunkelt, die Hälfte davon gehöre schon dem Weißen Haus. Logisch, da dieser Ort die Stelle markiert, an der das Jüngste Gericht stattfinden soll, und viele glauben, sich so einen vorderen Platz für den Eintritt ins Paradies zu ergattern. Himmlische VIP-Logen quasi.

Ich selbst begab mich auf die Spuren des Heilands, der am Fuße des Ölbergs, wo die Kirche der Nationen steht, im Wissen um sein Schicksal sein Zwiegespräch mit Gott führte. Dort sang er sein „Gethsemane“.

Im Garten Gethsemane stehen acht uralte Olivenbäume, die laut Reiseführer tausend Jahre auf dem Buckel haben. Die einheimischen Touristenführer erzählen was von 3000, ich tendiere eher zu 8000 (alle zusammen)!

Überhaupt ist über jedem Geschehnis aus dem Neuen Testament eine Kirche errichtet. Jeder Stein, den Jesus berührt haben soll, jeder Fußabdruck, Sturz, Geheilte, jede Träne, alles wird mit einer Kapelle überdacht. Jedwede christliche Glaubensausrichtung interpretiert sich hier in ihrem eigenen Stil. Es gibt Übereinstimmungen, aber auch sehr differenzierte Auslegungen. Hier eine russisch-orthodoxe Variante – mit Muse:

Einstimmigkeit herrscht auf jeden Fall in Bezug auf den Ort der Kreuzigung. An besagter Stelle auf dem Berg Golgatha ist eine Kirche errichtet, in der man den Felsen am konkreten Tatort durch ein Loch berühren kann. Die Schlange vor dem Altar ist ähnlich lang wie die vor der Grabeshöhle, über der eine weitere Kirche in der Kirche errichtet wurde. Hat man die heilige Stelle in demütig gebückter Haltung wieder verlassen, steht es einem frei, eine kleine Spende bei einem der Dienst habenden Glaubenswächter zu tätigen. Acht verschiedene christliche Gemeinden geben sich hier die Klinke, oder vielmehr den Schlüssel in die Hand, und haben somit während ihrer „Schicht“ auch das Anrecht auf die jeweiligen Spenden. Der böse blickende, bärtige Mann, der während unseres Besuchs gelangweilt neben dem heiligsten Ort der gesamten Christenheit fläzte, hatte kaum noch Platz in seinem Gebetsbuch für die Unmassen an Dollarscheinen, mit denen er bedacht wurde. Zumindest der Mätresse, die züchtig gewandet vor dem Kreuz ihre Sünden ablegte, schenkte er einen gnädigen Blick.

Moderne und Tradition sind – vor allem in Jerusalem – eng mit einander verbunden. So scheuen sich auch die streng orthodoxen Glaubenswächter nicht davor, ihre Gespräche mit Gott mittels Handy zu führen. Bei kleinen Sünden tut’s auch eine sms.

Nach vier Tagen packte uns aber doch wieder das Fernweh. Also steuerten wir Galiläa an. Um den See Genezareth herum schlugen wir den Luxus in den Wind und wählten stattdessen die Freiheit, mit einem handgemachten Feuer zu unseren Füßen. Am Ort der wundersamen Brotvermehrung teilten wir unseren letzten Kanten Brot brüderlich, doch leider wurde es nicht mehr. Mit leerem Magen aber gesättigtem Blick verbrachten wir die Nacht unter sternenklarem Himmel. Entschädigt wurden wir außerdem durch das Bad in den heiligen Fluten am nächsten Morgen.

Die Pilgerstätten am Westufer, wie Kapernaum und der Berg der Seligpreisung, waren – wie es sich gehört – an diesem Sonntag geschlossen. Also machten wir uns auf den Weg zurück Richtung Mittelmeerküste, um die verbleibenden Tage noch für ein paar weltliche Genüsse zu nutzen. Unterhalb von Netanya fanden wir wiederum einen menschenleeren Strand, deckten uns im Minimarkt für gefühlte vier Monate mit Vorräten ein und gedachten, die Tage bis zu unserer Abreise in der Natur zu verbringen. Außer uns hatte es lediglich zwei Familien an diesen Ort verschlagen, die wir aber – ob ihrer perfekten Ausstattung samt Zelt, Wäscheleine und Reisegrill – verachteten. Salonindianer! Stattdessen entrollten wir unsere Schlafsäcke unter einem Palmblätterdach, warfen Kartoffeln ins Feuer und schmachteten den Sonnenuntergang an. In der Nacht sollte uns die Blauäugigkeit jedoch zum Verhängnis werden. Gegen 2 Uhr fing es an zu tröpfeln. Das dürftige Dach hielt nicht lange Stand, und auch unsere rotweinbedingte Dichte bewahrte uns nicht davor, in den zunehmenden Fluten hoffnungslos zu ersaufen. Auf den letzten 20 Metern zum rettenden Fahrzeug ging dann eine wahre Sintflut auf uns nieder. Erreicht den Hof mit Müh und Not, in seinen Armen das Kissen war... klatschnass. Durchgefroren und mit steifen Gliedern kletterten wir am nächsten Morgen in die aufgehende Sonne, vorerst geheilt vom Camping, und machten uns – nach einem tapferen Sprung in die Wellen – auf den Weg zurück in die Zivilisation.

Unterwegs pausierten wir noch für den Nachmittag in einer herrlichen Strandbar. Den Wellen bei ihrer harten Arbeit zuschauen und abhängen. Traumhaft.

In Tel Aviv schließlich bezogen wir eine Unterkunft direkt neben dem Hotel, in dem wir vor fünf Jahren mit unserem Projekt „D-Rock@Israel“ übernachtet hatten. Das Wetter blieb grau und nass. Entgegen der statistischen Erhebung ergossen sich mit unserem Einzug in die Stadt ungeahnte Regenmassen. Einzig die 20° mehr als in Deutschland vermochten zu trösten. Und so wateten wir mit Genuss im Schmerze. Während der Regenpausen erkundeten wir die Stadt und legten insgesamt vermutlich an die 250 Kilometer zu Fuß zurück.

Am letzten Tag schließlich hatte die Sonne ein Einsehen und ließ uns am 29. Oktober eine Chance zum historischen Abbaden 2008.

Die 14 Tage boten viel mehr, als ich hier beschreiben kann. Ich hoffe, ich konnte Euch dennoch ein paar brauchbare Eindrücke meiner Reise vermitteln.

Kaum zurück in Berlin, geht es schon wieder auf die Bühne, und das ist gut so. Die Toureröffnung in Meerane am vergangenen Samstag war wunderbar. Noch mehr Energie haben wir allerdings am Sonntag beim Geburtstag von Benjamin Weinkauf und dem damit verbundenen Benefizkonzert für die Kinderhilfe Afghanistan erlebt. Ein gelungener Abend mit großem Wiedersehen alter Bekannter aber auch endlich einer Begegnung mit vielen Künstlern, die ich bisher nur aus dem Netz kannte.

Ich freue mich sehr auf die kommenden Konzerte und die Begegnungen mit Euch.

Seid herzlich gegrüßt, 
Dirk Zöllner

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